2016-09-06

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 17.03.1822 (388)



388. An Goethe 17.03.1822

Berlin, 17. März 1822. 

Es verlohnt sich schon, Dir mitzuteilen, was man nicht selber zu gebrauchen versteht.

Deine gründliche Auslegung der Polidors, besonders des »Manna«, gibt volle Befriedigung, da ich dies Blatt immer, mit aller Bewundrung der geschickten Anordnung, nicht auszudeuten gewußt und schwerlich darauf gefallen wäre, das historische Motiv in der Wüste Sin oder Kades zu suchen. Kann man sich doch vorstellen, daß Weiber und Töchter, von der Lese kommend, Kindern und Kranken die Gabe in Masse zutragen und, von dem alten Manne beaufsichtigt, an einen schattigen Ort gewiesen werden.

Statt alles Dankes nun für die Verehrung gegen den weisen Künstler, welche mir durch Deine Belehrung geworden, sende abermalen eine Reihe von Blättern, die Du behalten kannst, wenn Du sie nicht schon hast. Ein herrliches Blatt von Julius Roman, den Tod der Prokris vorstellend, würde auch mitgesandt haben, wenn ich mich nicht erinnert hätte, es bei Dir an der Wand gesehn zu haben.

Unter den zehen Blättern von Tizian ist eins, worüber ich mir aber den Kopf zerbreche. Es mag aus den Legenden sein. Ein rauchendes Gefäß zur Linken, zur Rechten der Totenköpf, dazwischen ein ruhendes Weib in Gesellschaft eines borstigen Drachen, ein geharnischter Reuter, auf feuerspeienden Untiere aus Gewitterwolken auf eine Stadt daherfahrend, eine zerstörte Feste — sind mir nichts als Rätsel. Der Titanenentwurf soll von Angelo sein. Vielleicht macht Dir auch das Porträt und die Originalzeichnung von Lafage Freude.

Diese und noch andere Sachen habe schon seit 1775, dem Todesjahre meines Großoheims Schmidt, in Besitz, den ich in Deinem »Winckelmann« nicht finde und kaum die Ursache begreife, wie ein so fruchtreicher Kupferstecher von Dir übergangen worden.

Wüßte ich, was Du von ihm hast, so könnte ich manches aus meinen Dubletten nachliefern. Seine radierten Blätter nach Rembrandt wurden hier allgemein geschätzt, und wenn ich die besten neuern Kupferstecher gegen seinen »Mignard« halte, so hat keiner den Charakter der Stoffe so derb und wahr getroffen; man möchte Farben erkennen.

Ich besitze sein sehr ähnliches Bild, herrlich gemalt von Pesne. Ein humoristischer Mann, groß und derb. Das Bild ist historisch und scheint von ihm selber angegeben zu sein, 4 Fuß breit und 3 V2 Fuß hoch. Der Mann sitzt fast lebensgroß an seinem Arbeitstische, auf welchem Radiernadel, Grabstichel, Lupe, Reißfeder und dergleichen liegen, und liest seiner gegenübersitzenden Frau schalkhaft aus einem Buche vor, das die kaum leserliche Aufschrift hat: »La chose impos-sible«. Auf des Mannes Stuhllehne hält sich ein listiger Kater angeklammert, ergrimmt und aufmerksam. Die Frau, welche gar nicht schön war, ist lächelnd und höchst reizend dargestellt und das Ganze mit großem Pinsel gemalt. Hände und Arme unvergleichlich. Ich habe lange gesonnen, was der Spaß bedeuten könne, und habe endlich in Lafontaines Gedichten Aufschluß gefunden.

Ein Mann hat sich dem Asmodi mit der Bedingung ergeben, alles zu fordern und zu erhalten, was auf Erden kann verlangt werden; kann der Teufel etwas nicht schaffen, so ist er geprellt. Asmodi ist ein Mann von Wort und wird tüchtig in Atem gesetzt. Zuerst wird das schönste Mädchen herbeigeschafft, der das Schlaraffenleben just recht ist; so geht’s in Lust und Freuden fort. Asmodi wartet jeden Morgen auf, um seine ordre du jour einzuholen. Endlich kommt die Verlegenheit; man ist erschöpft in Wünschen und Genüssen und weiß nichts mehr zu befehlen. Aus dieser Not errettet nun das Liebchen. Ein Härlein wird einem Teile ihres schönen Leibes entzogen. »Gib ihm«, spricht sie, »dies Härlein und befiehl ihm, es gerade zu machen«.

Asmodi bleibt aus und kommt endlich voll Verdruß angeschossen: »Denkst du, daß ich ein Seculum plätten, bügeln und strecken soll an deinem verruchten Härlein? Hier ist dein Vertrag zurück und laß mich ungeschoren!«

Für unsern guten Badeinspektor liegen sechs Orgelsonaten bei vom Karl Philipp Emanuel Bach, und zwei neuere Werke meiner guten Schüler, als das Neueste in seiner Art. Er brachte mir ein musikalisches Manuskript, das ich bei der ersten Ansicht für ein Autographum hielt und, da er es verlassen wollte, ihm was anderes dafür bot. Unter den Bachischen Sonaten befindet sich auch ein Autographum als eine Rarität, die allein mehr wert ist als das ganze Manuskript, das den ehemaligen gothaischen Kapellmeister Stölzel zum Verfasser hat.

Felix ist brav und fleißig. Seine dritte Oper ist fertig und ausgeschrieben und wird nächstens unter Freunden aufgeführt werden. Nach seiner Zurückkunft aus Weimar hat er auch schon ein Gloria fertig, ein Klavierkonzert für seine Schwester über die Hälfte fertig und ein Magnificat angefangen. Weiß ich selber nichts Rechts zu machen, halte ich doch meine Jünger an, und an einem halben Dutzend habe ich auch Freude.

Wäre es Dir genehm, mir einiges über den »Tod der Prokris« zu sagen, geschähe mir ein Dienst; ich habe es mir wieder vor Augen gelegt und kann nicht allein damit fertigwerden.

Dein

Zelter.

Unserer schönen guten Huldreich danke in meinem Namen für ihr liebes Geschenk. Es war Zeit, daß sie fortging, denn ich fing in der Tat an, verliebt zu werden, wie ich es freilich war und noch bin; da aber ganz Berlin es auch ist und ich mich nicht mit ganz Berlin schlagen kann, wie ich denn schon mit kranken Fingern hinlänglich geschlagen bin, so ist das Unglück nicht größer als das Glück. Seit sie fort ist, singt alles Amynts Klagen über die Flucht der Lalage. Die alte Benda’sche Kantate wäre vielleicht niemals wieder erweckt worden, und »Lalla Rookh« ist darüber rein vergessen.

Künftigen Karfreitag denke ich statt der beliebten Graun’schen Passionsmusik von Ramler Händels »Messias« zum besten zu geben und auf meine Gefahr einen Schritt vorwärtszugehn, indem man nicht durchaus damit zufrieden ist. Ich denke mit Mercutio: »Darum haben die Leute ihre Zufriedenheit, um sie von sich zu geben«, und Händels »Messias« ist ohne Zweifel mehr ein poetisches Werk als Ramlers »Tod Jesu«, der auf Mitleiden gegründet ist. Der »Messias« enthält lauter Trost der Erlösung, welches ja der Zweck alles Leidens sein sollte.
Nun Gott befohlen!

Ewig Dein

Sonnabend, 23. März 1822. Z.

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