2016-09-25

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 18.01.1823 (399)



399. An Zelter 18.01.1823

Da unter uns die Passage doch einigermaßen wieder geöffnet ist, so sende alsgleich die versprochenen und erinnerten Bände. Mir kommen sie selbst, wenn ich sie aufschlage, wie ein Märchen vor, und so hab’ ich ein frisches Heft gleich wieder angefangen; das neuste von »Kunst und Altertum« erhältst Du nächstens.

Sonst hämmere ich gar manches durch in meiner einsamsten Schmiede; aus dem Hause komm’ ich nicht, kaum aus der Stube, und da kann ich denn doch hoffen, den Freunden noch etwas zu werden.

Wenn der Wunderlichste, von dem Du mir ein so sonderbares Dokument sendest, an mich schreibt, werd’ ich ihm freundlichst antworten. Nimm folgende Betrachtung nachdenklich auf.

Mit Philologen und Mathematikern ist kein heiteres Verhältnis zu gewinnen; das Handwerk der ersten ist: zu emendieren, der ändern: zu bestimmen; da nun am Leben so viele Mängel (mendae) sich finden und ein jeder Einzelne Tag nach Tag genug an sich selbst zu bestimmen [hat], so kommt in den Umgang mit ihnen ein gewisses Unleben, welches aller Mitteilung den Tod bringt. Wenn ich denken müßte, daß ein Freund, an den ich einen Brief diktiere, über Wortgebrauch und -Stellung, ja wohl gar über Interpunktion, die ich dem Schreibenden überlasse, sich formalisiere, so bin ich augenblicklich paralysiert und keine Freiheit kann stattfinden.

Für das Liedchen dank’ ich zum allerschönsten; ich hab’ es erst mit den Augen gehört und mich abermals Deiner liebenswürdigen charakteristischen Konsequenz gefreut.

Die ändern Gedichte hast Du ihrem übereinstimmenden Sinne nach ganz richtig gefaßt; man möchte es eine Duettkantate, vom unmittelbaren Scheiden bis in immer weiterund weitere Entfernung, nennen, da denn der Regenbogen abschließt, der Nahes und Fernes verbindet.

Ob nun die Musik, die freilich dem Gefühle alles anzunähern vermag, was dem Begriff und selbst der Einbildungskraft fremd bleibt, auch hier eingreifen könne, wolle, sei dem Meister anheimgegeben.

Allen guten Geistern empfohlen!

Für ewig

Weimar, den 18. Jänner 1823. G.

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