03.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (419)



419. An Goethe ohne Datum

Ein Schwein von unmäßiger Dicke kann der Treiber kaum noch fortbringen. Von Schritt zu Schritte sinkt es ein; so erreicht es vor meinem Fenster einen hinten niedergelassenen halbbeladnen Moderkarrn, fährt flugs in den weichen Moder wie in ein Pflaumbett und grunzt vor Wollust. So fährt der Karrn mit der fetten Last von dannen, und das selige Tier sitzt wie in einer Kutsche —

und sieht sich um
Dem erstaunten Publikum.

Wer doch so Gebrauch zu machen wüßte von der Gelegenheit! Und das nennt man ein dummes Schwein.

Wesel, den 19. Um einem großen Schmause und einem Konzerte dazu auszuweichen, bin gestern früh still davon-und anhergerutscht. An einer Liedertafel, die auch in Münster entstanden ist, haben sie mir vorgestern abend so zugetrunken, daß ich beinahe die Zeit verschlafen hätte. Unsre Lieder werden hier gesungen, und hoffentlich machen sie es noch immer besser. Lustig sind sie, und von da an ist den Deutschen zu helfen.

Mittwoch, 22. Ut re — wer sollte glauben, daß sie in Holland so musikalisch sind? Damit ist’s aber auch alle, denn in Utrecht rauchen die Musen Svizent. Die Reise hieher habe gemacht mit einem Holländer und einem Engländer; da keiner den ändern in seiner guten Sprache versteht, so haben wir eine Nacht hindurch Französisch gesprochen, daß die Wagenfenster klangen. Ein Jude hat in Utrecht den »Tankred« von Rossini angekündigt, worin Er mit seinen Kindern singt. Ich habe den Zettel gesehn: was müßte sich Rossini ein Mann dünken, seine Oper mit lauter Arien anderer Komponisten ausgefüllt zu sehn; ich könnte mich zerreißen in Freuden, wenn mir solche Ehre widerfahren könnte. Der Name ist etwas! man sage, was man will.

Aus einer Art Instinkt, nenne es gemeinen Instinkt, wenn Du willst, oder zufällig habe ich die Menschen der Fremde bis jetzt immer von unten nach oben gesehn und kann nicht sagen, daß ich unzufrieden bin mit dieser Methode. Die Gebildeten aller Stände, wie ich sie finde, sind, mehr oder weniger, im ganzen wie Schulpferde, wie eine aufgespannte Saite kein Darm mehr ist, und so fort. So habe ich den Generalbaß hiesiger Landesart auf der Treckschuite angetroffen, auf der ich von Utrecht hieher nach Amsterdam gereiset bin. Auch habe schon Lehrgeld bezahlt, indem ich auf dem dreifachen Fußteppiche meines Zimmers mir gestern beinahe den Hals gebrochen habe. Solche Teppiche sind hier nötig, um nicht zu erfrieren, in einer Stadt, die auf dem Meere schwimmt. Häuser ohne Mauern von mäßiger Höhe, daß man von ferne nur die hohen Schornsteine sieht, ein Wald, eine Rhede von Schornsteinen. So wird es begreiflich, daß solche Insulaner sich auf Schiffen zu Hause dünken können, wo sie doch immer ein Element unter sich haben; denn das Fundament dieser übermäßig großen Stadt von 220 ooo Menschen ist — Brei. Manches würde ich in meinen Jahren kaum gewohnt werden: das späte Aufstehn und die Kälte der Häuser. Den Torfgeruch sucht man sich durch unendliches Tabakrauchen wegzulügen, und da ich ein Raucher bin, so —

Gegen Abend, da mir der Wind draußen zu kalt war, krieche ich an meinen Platz in die Treckschuite zurück, die verschlossen werden mußte, wenn die Lichter brennen sollten. Es mochten gegen 60 Personen drinnen sein. Am Vorderende waren lauter Juden; ich saß natürlich unter den Erlöseten. Ein fünfjähriger Knabe war mein nächster Nachbar und schlief ein, sein Köpfchen in meinen Schoß gelegt. Die Mutter, ein stattliches Weib, stieß den Knaben an, den Herrn nicht zu belästigen. Ich durfte still sein, denn es ward Holländisch gesprochen, wovon ich wohl das meiste verstand, da ich etwas Holländisch lese. Endlich ward mir der Tabaksqualm so unwürdig lästig, daß ich nach meiner Art auf gut Holländisch ausrief: Wenn ich zu Hause komme, so kaufen sie mich für ein geräuchertes Schwein! Das ganze Schiff erscholl von Lachen, und sie fragten einander: »Was hat er gesagt?« Ich fuhr fort und bemerkte, daß die Frauen dieses Landes sehr galant gegen das andere Geschlecht erschienen, wenn sie sich bei lebend’gem Leibe zur Speckseite räuchern ließen, und nun wußten sie alle recht gut Deutsch, und die Konversation wurde so lebendig, daß das Schiff in Amsterdam angelangt war, ehe man’s dachte. Ein ältlicher Mann, er schien ein Geistlicher zu sein, fragte nach meinem Lande. »Es wäre alles gut«, sagte er, »wenn nur die Menschen besser wären.« Ich sagte: Die Menschen sind, wie sie waren und sein werden. Man würde wenig Trost finden, viel besser zu sein als die ändern, drum möge nur jeder mit sich und ändern vorliebnehmen.

Den 24. Gestern habe den Schiffswerft gesehn. Zwei ganz neue Kriegsschiffe von 74 Kanonen und zwei andere von 44 Kanonen und mehrere Kauffahrteischiffe standen im vierten Jahre auf dem Stapel und werden künftiges Frühjahr ins Wasser gelassen. So lange bleibt ein Schiff im Trocknen stehn. Das Vergnügen des Architekten bei Betrachtung solcher Verbindung ist grenzenlos. Eine Wölbung von unten nach oben, da der Schlußstein das Fundament und die elastische Luft das Widerlager ist; es kann nichts Ausgedachteres geben, bis Wind und Wetter widerwillig dem künstlichen Spaße ein natürliches Ende geben.

Dieses hohle Wesen nun, diese Kessel-, diese Sackbaukunst, auf diese Art ins Große, ja ins Unendlich-Endliche vertrieben, muß notwendig allgemeines Erstaunen und Begier erregen, wo niemand weiß, was er wagt, indem er sich und alles wagt, und der Kaufmann wird zum Helden, ohne daß er will und doch will.

Die Modellkammer ist höchst belehrend durch die schönen Profile, welche eine vollkommene Einsicht geben. Eroberte Fahnen aller Seemächte, Heb- und Stoß werke aller Art mit den Abbildungen ihrer Erfinder sind in großer Anzahl vorhanden. Zwei Schwimmbatterien sind von Napoleon eifrig betrachtet worden, eine quadratisch, eine oval. Das Bild des Admirals von Reuter ist herrlich gemalt; eine herrliche Gestalt.

Dann habe das Korrektionshaus gesehn, eins der größten und prächtigsten Gebäude dieser Stadt. Wenn die Verwaltung dieser Behörde mit ihrer großen Intention übereinstimmt, so habe ich nie was Nützlicheres gesehn. Es ist nicht sowohl eine Besserungs- als eine Erziehungsanstalt, worin sich aufnehmen lassen kann ein jeder, der nicht weiß, was er mit sich selbst oder seinesgleichen anfangen soll, wo alles gelehrt wird, eine Schule, eine Universität, wo jeder wünschen möchte einzutreten.

Die Zimmer und Säle der Konferenzen der Verweser sind mit den vortrefflichsten Familiengemälden von Rembrandt und ändern Meistern geziert: Eltern übergeben einen Sohn, eine Tochter dem ehrwürdigen Rate dieser Anstalt; ein Vater nimmt seinen Sohn, eine Mutter ihre Tochter wieder; ein Mann drückt seine geliebte dankbare Frau wieder an seine Brust — das sind die Motive der Bilder.

Dann habe gestern zwei französische Opern gesehn: »La maison isolee« und »Les maris gargons«. Musik von Dalayrac und Berton. Das letzte hat eine scharmante Intrige. Drei verheiratete Männer erklären sich jeder gegen eine andere Frau für unverheiratet; mehr kann ich nicht sagen, Du bist ja ein Poet. In Summa, die Deutschen haben keine Oper, sie können keine spielen. Seit 40 Jahren habe ich keine Oper von Franzosen spielen sehn, aber die Deutschen habe keine
Oper. Das Beste ist Flickwerk. Wenn sie lustig sein wollen, wird man traurig davon, und man begreift, was es sagen will, wenn sie in einem Stücke von Schiller oder von Dir oder in einer Oper von Mozart das Buch nachlesen. Gestern habe kein Wort verstanden und alles gehabt; denn die Leute spielen so sehr gut, daß sie gar nicht zu sprechen brauchten. Ein Tenor und ein Baritono allerbester Art; sie mögen in Frankreich und Italien nicht besser zu finden sein. Gut musikalisch, gelernte Sänger, Geschmack, Sicherheit, Eigenheit; den Bariton würde ich weit über Brizzi setzen. Die Weiber alle gute Stimmen, rein, laut, und reißen das Maul auf, als wenn sie fressen wollten. Das Stück rollt von der Spule. Nach dem Stücke erfahre ich, daß der Bariton nur Ein Auge hat, was niemand gewahr wird. Der Kerl ist Trompeter gewesen, hat seine Feldzüge unter Napoleon mitgemacht, der ihn nachher ins Konservatorium der Musik schickt. Schwerenot! wenn dem Kerl das andere Auge auch ausgeschossen wäre, so kehrt er sich um und sieht doch noch. Er heißt Coeuriot.

Großes Vergnügen über die Rückkehr des spanischen Königs habe nicht bemerkt. Man spricht von Millionen, die verloren gehn.

Die Witterung ist unablässig schön, und solange es kalt bleibt, hält sich’s wohl; doch die Mewen nähern sich, und was das heißt, haben wir erfahren.

Für den Fremden ist die Durchwandrung der Stadt sehr mannigfaltig. Von einem beladnen Dreidecker bis zum Lappen, zur halben Gürtelschnalle steht alles fast Tag und Nacht feil. Sie Straßen sind bei Nacht durch die bloße Erleuchtung der Kaufläden so hell, daß man lesend auf und ab geht. Eine Fleischbude, sonst ein ekler Gegenstand, ist so appetitlich erleuchtet, daß man das Fleisch roh genießen möchte; die Kanäle haben keine Geländer, und da sie so tief sind, Seefahrzeuge aufzunehmen, so hat sich der Fremde zu hüten, um nicht hineinzufallen, doch hört man davon wenig, die Kinder sind noch behutsamer und dreister wie die Alten. Bei starkem Nebel sollen sie jedoch Unglück veranlassen.

Dann habe in einem Boote den Hafen befahren. Die Amsterdamer gewinnen der See ein Stückchen Ufer nach dem ändern ab, welches vermittelst der Faschinen befestigt und sogleich bebaut wird; der Zuwachs von Jahr zu Jahr wird immer erheblicher, und so wird sich, so muß sich die Hauptstadt endlich bis Nordholland ausdehnen, das von Bauern bewohnt ist, die selbst hier für reiche Leute gelten. Man erzählt, daß Peter der Große, der hier auf Nordholland als Jüngling die Schiffsbaukunst erlernt hat, nach einiger Zeit von einem solchen reichen Bauern sei erkannt worden. Der Bauer bittet nämlich den jungen Fürsten auf eine Pfeife Tabak einen Abend zu sich, und nachdem er seine Familie von sich gelassen, sagt er: »Ich weiß, daß du der Kaiser von Rußland bist, und so kann ich dir nichts anbieten; um dir aber zu beweisen, daß ich die Ehre, dich an meinem Kamine zu sehn, zu schätzen weiß, werfe ich ein Papier von 50 000 Gulden ins Feuer.«

Jetzt komme ich von der Börse, die Schlag 2 Uhr frei offen ist; wer um halb 3 Uhr kommt, zahlt einen halben Gulden, und wer um 3 Uhr kommt, zahlt 6 Gulden, um 4 Uhr aber ertönt die Glocke, und alles ohne Ausnahme muß fort.

Die andere Börse ist die Kornbörse, nach derem Ende die Aufwärter den Boden fegen, da denn eine gute Fuhre Körner aus lauter mitgebrachten Kornproben zusammengefegt und von diesen Leuten an Viehmäster verhandelt wird.

Wer sich ein Loch in Rock gerissen hat, geht auf den Tuchmarkt, da sitzen Leute mit Tuchrestchen von 1/2, 1/4, 1/8, 1/16 Elle von allen Farben und Güten, kauft sich einen solchen Lappen für wenige Stüber und kalfatert sein Kleid; daher siehst Du keine zerrissne Jacke oder Hose, wiewohl zuweilen mehrere Farben abstechend eingeflickt.

Daß man an einem Orte, wo Fische, Fleisch und Gemüse im Überfluß und alles gute Fremde eingeht, gut kocht und gern ißt, versteht sich von selber. Ich esse gern gut, wenn auch ein bißchen viel — aber hier wüßte ich’s nicht zu bezwingen, da müßte mir Wolf helfen.

Die öffentliche Bildergalerie ist reich an schönen Gemälden, die meistens vaterländische Beziehungen haben. Außer den Namen Bakhuizen, Beerestraaten, Berghem, Ferdinand Bol, Gerard Dou, van Dyck, Eyck, Flinck, Helft, Honthorft, Kalf, Potter, Pynaker, Rembrandt findet sich auch wohl: ein Holbein, ein Correggio und eine beste Landschaft von Philipp Hackert, worin die Figuren von Adrian van der Velde gemalt sind. Vortreffliche Ruysdaels, van der Werffs und Wouwermans. Die Anzahl beläuft sich nicht viel über 500, aber alles so wohl erhalten und gefaßt und gepflegt, daß es noch Jahrhunderten Freude machen muß.

Morgen geht’s nach Harlem.

Das theatrum anatomicum habe auch gesehn: außernatürliche Seltenheiten, Skelette von Mördern, von denen einer 38 Mordtaten verübt, endlich ein großes Gemälde von Rembrandt, worauf ein Professor seinen Zuhörern die Muskeln eines Mannsarmes, solche mit der Zange in der Höhe haltend, an einem vollständigen Kadaver erklärt. Sie führen einen herum, man muß gehorsam sein.

Bei dem Überflüsse, welchen alle Elemente hier frei im großen ausschütten, müßte man ein Walfisch oder wenigstens ein Seefisch sein, um sich in frischem Wasser satt zu trinken, wenn man nicht erbrechen oder ersaufen will. Trinkwasser ist, wenn nicht selten, doch das Teuerste hier, es muß von Utrecht hergefahren werden und ist genießbar genug. Geringe Leute trinken Regenwasser, das jedoch zu Zeiten, besonders im Winter, noch rarer wird.

In Münster habe den jungen Immermann kennen lernen, von dem ich drei Trauerspiele gelesen habe. Eins davon hat mir vorzüglich geschienen. Ein viertes Trauerspiel und einen Band Gedichte hat er mir verehrt, womit ich weniger zufrieden bin. Sein Talent scheint mir noch zu abhängig; seine Liebe ist nicht ganz sein, und er wäre alt genug, etwas Eigenes zu leisten. Seine Person und sein Wesen haben mir wohlgetan, und da er die guten Muster kennt, wollen wir ihn geduldig erwarten. Zwei seiner Gedichte habe hier in Musik gesetzt; ich merke wohl, er will sich gehn lassen, aber das geht nicht so. Ein Gedanke ist kein Gedanke; ein Männchen will ein Weibchen haben, wenn etwas dabei herauskommen soll. Das wollen wir ihm jedoch nicht verraten, vielleicht merkt er’s alleine, und dann ist geholfen.

Daß in einer Stadt von geronnenem Wasser viertehalb-hundert teils massive, teils hölzerne Zugbrücken nicht zuviel sind, versteht sich, und auf Schleusenbau verstehn sie sich hier meisterlich; alles ist so verkeilt und cimentiert, als wenn es Neptun mit eigenen Händen gemacht hätte.

Auf Wiedersehn!

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