29.09.2016

Gedichte von F. Hölderlin: Lied der Freundschaft (32)



Lied der Freundschaft

(Zweite Fassung)

  Wie der Held am Siegesmahle
Ruhen wir um die Pokale,
Wo der edle Wein erglüht,
Feurig Arm in Arm geschlungen,
Trunken von Begeisterungen
Singen wir der Freundschaft Lied

Schwebt herab aus kühlen Lüften,
Schwebet aus den Schlummergrüften,
Helden der Vergangenheit!
Kommt in unsern Kreis hernieder,
Staunt und sprecht: Da ist sie wieder,
Unsre deutsche Herzlichkeit!

Uns ist Wonne, Gut und Leben
Für den Edlen hinzugeben,
Der für unser Herz gehört,
Der zu groß, in stolzen Reigen
Sich vor eitlem Tand zu beugen,
Gott und Vaterland nur ehrt.

Schon erhebt das Herz sich freier,
Wärmer reicht zur frohen Feier
Schon der Freund den Becher dar,
Ohne Freuden, ohne Leben
Kostet' er den Saft der Reben,
Als er ohne Freunde war.

Bruder! schleichen bang und trübe
Deine Tage? beugt der Liebe
Folterpein das Männerherz?
Stürzt im heißen Durst nach Ehre
Dir um Mitternacht die Zähre?
Bruder, segne deinen Schmerz!

Könnten wir aus Götterhänden
Freuden dir und Leiden spenden,
Ferne wärst du da von Harm;
Weiser ist der Gott der Liebe:
Sorgen gibt er bang und trübe,
Freunde gibt er treu und warm.

Stärke, wenn Verleumder schreien,
Wahrheit, wenn Despoten dräuen,
Männermut im Mißgeschick,
Duldung, wenn die Schwachen sinken,
Liebe, Duldung, Wärme trinken
Freunde von des Freundes Blick.

Lieblich, wie der Sommerregen,
Reich, wie er, an Erntesegen,
Wie die Perle klar und hell,
Still, wie Edens Ströme gleiten,
Endlos, wie die Ewigkeiten,
Fleußt der Freundschaft Silberquell.

Drum, so wollen, eh die Freuden
Trennungen und Tode neiden,
Wir im hehren Eichenhain
Oder unter Frühlingsrosen,
Wenn am Becher Weste kosen,
Würdig uns der Freundschaft freun.

Rufet aus der trauten Halle
Auch die Auserwählten alle
In die Ferne das Geschick,
Bleibt, auf freundelosen Pfaden
Hinzugehn, mit Schmerz beladen,
Tränend Einer nur zurück.

Wankt er nun in Winterstürmen,
Wankt er, wo sich Wolken türmen
Ohne Leiter, ohne Stab,
Lauscht er abgebleicht und düster
Bangem Mitternachtsgeflüster
Ahndungsvoll am frischen Grab,

O da kehren all die Stunden
Lächelnd, wie sie hingeschwunden
Unter Schwüren, wahr und warm,
Still und sanft, wie Blumen sinken,
Ruht er, bis die Väter winken,
Dir, Erinnerung! im Arm.

Rauscht ihm dann des Todes Flügel,
Schläft er ruhig unterm Hügel,
Wo sein Bund den Kranz ihm flicht,
In den Locken seiner Brüder
Säuselt noch sein Geist hernieder,
Lispelt leis: Vergeßt mich nicht!

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