14.09.2016

Gedichte von J.Kerner: In der Sturmnacht (85)



      In der Sturmnacht

Es kommt mein Freund, schon hör' ich laut ihn singen,
Der Sturmwind ist es, der mit mächt'gen Schwingen
Hinfähret durch die finstre Mitternacht,
Sein Lied hat mich aus trägem Schlaf gebracht.

Der Wälder Rauschen und des Wassers Wogen,
Der Wolken Tanz am finstern Himmelsbogen
Und drein des Sturmes donnergleiches Lied
Mit Macht hinaus in die Natur mich zieht.

Da möcht' ich mich mit ihm so ganz verweben,
Ein Luftgeist – singend mit dem Sturme schweben,
Mit Wäldern, Bergen und dem Meer im Bund,
Nicht mehr genannt von eines Menschen Mund.

Sturm! sing dein Donnerlied, Luftgeisterheere
Einstimmend – fahrt mit ihm durch Land und Meere!
Noch hält der Erde Band fest meinen Geist.
Doch Lust! zu wissen, daß dies Band zerreißt.

Dann heb mich auf, o Sturm! mit deinen Schwingen,
Dann, Freund! laß mich dein Donnerlied mitsingen,
Mitfliegen laß mich über Land und Flur
Wie du – ein Teil der schaffenden Natur.
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