2016-09-21

Gedichte von J.Kerner: Täuschung (122)



 Täuschung

Ich lag im Schlaf in Träumen,
In stiller Mitternacht,
Wohl unter Blütenbäumen
In sonnenheller Pracht;

Erwacht, sah ich in Trauer
Entlaubte Bäume nur,
Und düstrer Regenschauer
Durchbebte die Natur.

Ich lag im Schlaf in Träumen,
Ein Freund bot mir die Hand,
Ich reicht' ihm ohne Säumen
Die meinige zum Pfand;

Erwacht, mußt' ich erblicken,
Wie mit dem Dolch der Freund
Stand hinter meinem Rücken;
Nun weiß ich, wie er's meint.

Abschied möcht' ich dir geben,
Du Welt, mit deinem Licht!
Hier innen ist mein Leben,
Da draußen ist es nicht.

Dies Lied hatt' ich gesungen,
Als einer untreu war,
Doch kaum war es verklungen,
Da waren's schon ein paar.

Und sollt' ich jetzt noch singen
Von schlechtem Menschendank,
Die Leier würd' zerspringen,
So lang würd' der Gesang.
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