2016-09-16

Goethes Briefe an Ch.v.Stein: 05.06.1780 (395)

(395) 05.06.1780

Gotha Montags (5. Juni) Abends 7.

Es ward würcklich warm als ich von Ihnen wegritt, und ein Pferd das nur Schritt geht, merck ich wohl muss ich im Leben nicht reiten. Ich unterhielt mich wie mit Ihnen von meiner ganzen militarischen Wirthschafft, erzählte Ihnen das geheimste davon, das eben nicht scandaleus ist, wie es gegangen ist, geht, und wahrscheinlich gehn wird, Sie hörten mir gedultig zu und waren geneigt auch zu meinen Mängeln und Fehlern ein freundlich Gesicht zu machen. NB der Eklat den der Rittmeister mit der Caroline macht, ist blos um das Gehässige auf mich zu wälzen, und ist im innern doch wieder dumm. Wenn ich wiederkomme sollen Sie was Sie wollen von der Sache wissen, mit dem Beding dass Sie mich gegen niemand vertheidgen.

Drauf unterhielt ich mich mit beyliegender Posse, kam so durch Erfurt, und zulezt führt ich meine Lieblings Situation im Wilhelm Meister wieder aus. Ich lies den ganzen Detail in mir entstehen und fing zulezt so bitterlich zu weinen an, dass ich eben zeitig genug nach Gotha kam. Man hat mir im Thor gesagt dass ein Quartier im Mohren für mich bestellt sey. Wo ich auch eingezogen bin und erwarte ob Sie mir etwas schreiben und schicken wollen.

Um den Donnerstag erwart ich ein gros Packet von Ihnen worinn alle schöne Freundinnen etwas beylegen werden.

Ich wollt gern Geld drum geben wenn das Capitel von Wilhelm Meister aufgeschrieben wär; aber man brächte mich eher zu einem Sprung durchs Feuer. Dicktiren könnt ichs noch allenfalls, wenn ich nur immer einen Reiseschreiber bey mir hätte. Zwischen so einer Stunde wo die Dinge so lebendig in mir werden, und meinem Zustand in diesem Augenblick wo ich iezt schreibe ist ein Unterschied wie Traum und Wachen.

Dienstag d. 6ten Jun. früh. Der Reitknecht geht ab und soll Ihnen diesen Grus bringen. Adieu bestes. Leben Sie wohl und vergnügt, lieben Sie mich denn ich bedarfs. Grüsen Sie die kleine und Frizzen.

G.






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