25.09.2016

Goethes Briefe an Ch.v.Stein: 30.06.1780 (401)

(401) 30.06.1780

Ihre grose Vorlust mir zu schreiben hat sich wohl in ein und den andern freundlichen Gedancken aufgelöst den Sie mir über die Berge zuschicken. Nicht somit mir Sie sollen Briefe haben, bis Sie sagen hör auf. Stein ist nicht hier, Friz ist gar freundlich.

Heut Abend fand ich Ihrer Mutter Fächer im Stern, und hernach begegnet ich ihr mit der Reinbaben und geleitete sie zu meinen Wohnungen hinaus. Herders sind wieder von Ilmenau zurück und haben mich zum Eintritt mit unangenehmen Sachen unterhalten, die sie nichts angehn. Ich habe beschlossen die Frau nächstens beym Lippen zu kriegen und ihr meine Herzensmynung zu sagen, sie mag als denn referiren, und es ist sehr gut dass mann sich erklärt, und gewisse Dinge ein für allemal nicht leidet. Die neuen Weege werden immer saubrer und zusammenhängender. An Masken zu den Vögeln arbeiten Schumann und Mieting mit aller Kunst. Jeri und Bätely will noch nicht flott werden, über die Sandbäncke der Zeitlichkeit.

Mein Leben ist sehr einfach und doch bin ich von Morgends in die Nacht beschäfftigt, ich sehe fast niemand als die mit denen ich zu thun habe. Gestern hab ich bey der Gräfinn gessen, sie war gar artig und sagte recht sehr gute Sachen. Der Herzog ist nach Ringleben wo Wasserbaue müssen veranstaltet werden, auch nimmt er sich des abgebrannten Brembachs an, und sorgt für die Leute, und für klugen Aufbau. Mir mögten manchmal die Knie zusammenbrechen so schweer wird das Kreuz das man fast ganz allein trägt. Wen nich nicht wieder den Leichtsinn hätte und die Überzeugung dass Glaube und harren alles überwindet. Es könnte ia tausendmal bunter gehn und man müsste es doch aushalten. Wenn Sie nicht bald wiederkommen oder dann bald nach Kochberg gehn, muss ich eine andre Lebensart anfangen. Eine Liebe und Vertrauen ohne Gränzen ist mir zur Gewohnheit worden. Seit Sie weg sind hab ich kein Wort gesagt, was mir aus dem innersten gegangen wäre. Einige Vorfälle und die Lust mit den Vögeln die ich immer Sonntags der Jöchhausen dicktirt habe, sind gute Sterne in der Dämmrung geworden. Recht wohl Dämmrung.

Aber freylich tausend und tausend Gedancken steigen in mir auf und ab. Meine Seele ist wie ein ewiges Feuerwerck ohne Rast. Clauer hat Öfers Kopf recht schön gearbeitet. Der Alte ist fort. Wundersam ist doch ieder Mensch in seiner Individualität gefangen, am seltsamsten auserordentliche Menschen; es ist als wenn die viel schlimmer an gewissen Ecken dran wären als gemeine.

Wenn ich ihn nur alle Monat einen halben Tag hätte, ich wollt andre Fahnen aufstecken. Adieu mein Brief muss fort. Grüsen Sie die kleine und die Imhof. Sagen Sie mir ein Wort wenn ich auf Ihre Wiederkunft rechnen kan. Adieu Engel.

d. 30. Jun. 80. Weimar.                G.



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