2016-10-01

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 03.02.1823 (402)



402. An Goethe 03.02.1823

Berlin, 3. Februar 1823. 

Fast hat mich die Kälte aufgefressen. Vor Frost und langer Weile bin ich krank worden und gehe seit 8 Tagen nicht aus.

Aber da steht ja der »Diwan«! Hast du was Bessres? — Und das schöne Feuer im Kamin brennt umsonst? — Aufgeschlagen! Was steht da? »Lied und Gebilde«. — Ja, das kennen wir, von hinten und vorn; erinnern uns auch anbei unzulänglichen Vermögens, wollten gern und konnten nicht.

Als ich’s zum ersten Male las,
Hat’s mich fast erschlagen —
Und du magres Winter gras 
Willst es heute wagen!

Über Nacht kommt bessrer Rat,
Und indem ich dachte:
»Aller Anfang ist die Tat!«
Sich’s von selber machte.

Da hast Du die Bescherung. Das Stück ist für Männerstimmen; die Weiber verpiepen alles.

Als ein alter Bildnermarschall weißt Du Dich ja wohl in harten Marmorstein einzuschneiden.

Dies sind nur Noten, grani, die wohl auch eine belebende Gestalt annehmen: lang, kurz, hoch, tief, Kopf und Bein, einzeln, in Gruppen — weißt Du’s ja selber, und ich — hättenie etwas in Musik zu setzen gewußt, ohne mir ein plastisches Modell einzubilden. So sieh es denn einmal an oder zweimal, hörst Du, schönster Mann, und sage ein Wort, wo nicht darüber, doch dazu. Weiß man doch aus dem Spiegel nur, wie man sich ausnimmt.

7. Februar. Das Merkwürdigste an unserm Karnaval ist ganz zuletzt — eine Hundehochzeit. Unser Schauspieler Stich ist gestern abend in seinem Hause von Einem Verehrer seiner Frau auf den Tod verwundet worden. Der alte Unzelmann hat gesagt: »Wenn ich so etwas hätte übelnehmen wollen, wäre ich zum Siebe gestichelt.« Ferner: Iphigenie hat ihre Mutter Klytämnestra einen Sauschwanz geheißen. Sapienti sat.

11. Februar. Eben stöbere ich den »Neveu de Rameau« durch. Es wäre schade, wenn Du vom Originale keine Abschrift behalten hättest. Bei Vergleichungen des einzelnen dürfte ich der Meinung der Pariser Freunde beitreten, daß der Zurückübersetzer sich ohne Schaden mehr ans Deutsche hätte halten können. Bekannt wird Dir sein, daß man Dich selbst für den wahren Diderot gehalten hat. Die deutsche Übersetzung hat ohne laute Sensation so entschieden gewirkt, daß ich es sogar gemerkt habe. Es ist lustig, wenn die Leute wider Willen nicht wissen, wie sie klüger werden.

14. Februar. Hat Dir denn Hirt wohl seine Schrift gegen einen Herrn Hübsch geschickt? Das ist ein trauriges Erzeugnis. Seine »Geschichte der Baukunst« habe immer noch nicht gelesen, und nun ist mir der Appetit darnach ganz vergangen.

7. März. Dies Papier hatte sich verkrochen, und nun hast Du schon einen folgenden Brief, der Gott weiß in welcher Stimmung geschrieben ist. Ein Park von Fragern läßt ganze Salven auf mich los, die ich alle nicht anders zu beantworten weiß, als daß alles zur Besserung geht mit Dir. Wenn Du, liebster Mann, noch besser werden sollst, als Du bist — was soll mit uns werden? Doch will ich nicht gespaßt haben; der Ernst ist mir natürlich genug. Drum, sobald Du eine Hand regen kannst, so sende mir Ein: »Treulichst«, und ich will so zufrieden sein wie möglich.

8. März. Gestern mittag im Künstlerverein ist Dir ein Vivat gebracht worden, daß Dir die Ohren müßten geklungen haben. Da man nun von mir etwas Gewisses, Neues wissen wollte, habe ich unseres August Brief vom 26. vorgelesen und noch einen interessanten Brief aus Jena, der Deine Krankheitsgeschichte enthält, vom 28. Februar, und endlich ein gestohlnes bulletin Deines treuen Arztes Rehbein. Dieser hat denn auch herhalten müssen, weil ihm Gott gnädig ist, Dein Arzt zu sein, da er denn gut verschreiben hat.

Unsern wunderlichen Gelehrtesten hatte ich mir dabei zu Gaste gebeten, der ausblieb, weil er immer was Besseres hat. Er pflegt, wie er sagt, mit den Fingern zu lesen; da nahm er sich letzthin das neueste Heft von »Kunst und Altertum« von mir mit und schickt’ es mir, Abrede gemäß, den folgenden Tag wieder. Da trage ich ihm einige Rätsel daraus vor. »Wo steht das geschrieben?« — Fragen Sie Ihre Finger; Sie lesen ja mit Fingern. Wissen Sie aber: Goethe lieset Ihre Buchstaben, und zwar mit allen Sinnen, um Ihren Gedanken auf den Grund zu kommen, und Sie wollen seine Blätter nur mit schmierigen Extremitäten touchieren? Ich gestehe, hierin weder ein gelehrtes noch freundschaftliches Verhältnis zu erraten.

9. März. Ein gestern erhaltenes Schreiben der göttlichen Adele vom 5. dieses erquickt, erfreut und belebt mein Haus, weil es die Fortschritte Deiner Genesung enthält. Fahre fort, Zion!

11. Mein Felix hat sein 15. Jahr angetreten. Er wächst unter meinen Augen. Sein erstaunliches Klavierspiel darf ich ganz als nebenher ansehn. Auf der Violine kann er gleichfalls Meister werden. Von seiner 4. Oper ist der 2. Akt fertig. Alles gewinnt Gediegenheit, kaum fehlt noch Stärke und Macht; alles kommt von innen, und das Äußerliche seiner Zeit berührt ihn nur äußerlich. Denke Dir meine Freude, wenn wir’s erleben, daß der Knabe lebt und erfüllt, was seine Unschuld verspricht. Gesund ist er. Ein sehr schönes Quartett fürs Fortepiano wünsche ich, daß es Deiner Großfürstin zugeeignet würde. Sage mir: wie würde das anzufangen sein? Aber sage es bald

Deinem ewigsten

Z.

Es ist ganz neu und noch besser als das, was er in Weimar hat hören lassen.

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