27.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 07.08.1823 (414)



414. An Goethe 07.08.1823

Berlin, 7. August 1823. 

Da Du Dich so schön und ausführlich von Deiner Terrasse herab vernehmen lassest, so soll Dir’s auch gegönnt sein, Deine Saaten auch in böhmischen Bergen aufgehn zu sehen. Lebe nur fort, guter Mann! und Du sollst noch manche Freude auf Erden haben.

Genieße ich doch ähnlichen Glücks, nach manchen Mühen, selbst ohne Absicht, hier und da gute Wirkungen zu gewahren, die auf gutem Grunde stehn müssen. Was mir noch besonderes Vergnügen macht, ist die Redaktion Deiner Lebenschronik und die Art, wie sie gefördert wird, da ich selbst so arbeite und nach rückwärts fortrücke.

Beschäftigung mancher Art hält mich hier fest, wie ich mich selbst in meiner neuen Wohnung nicht übel gefalle, mich auch wohl sonst zu schicken wußte. Unterdessen laufen mir die Mädchen davon und stehlen mir Deine Küsse!

Wer mag denn diese Lili sein, wenn es nicht die appetitliche Parthey ist, die ich denn mit Deinen Versehen so hinhalten will, bis sie mir Deinen Kuß wiedergibt.

Denke nur nicht, daß in Deinen Bergen allein Glut und Wärme wohnt. Seit 12 Tagen trinke ich Karlsbader, Mühl und Neubrunnen und Sprudel hinterher, die von Menschenhänden aus Prometheischen Funken bereitet werden, Abgang finden und Wirkung leisten. Ich kann eben nicht sagen, daß ich mich besser danach befinde, da ich nicht krank bin, wenn ich es nicht meiner Augen wegen tue, die mir immer notwendiger werden, je mehr sie abnehmen.

Unser Wunderling wird sich freuen, daß Du sein gedenkst. Tut er auch spröde, so liebt er’s bis zur Eitelkeit, genannt zu werden, und hofft in Deiner Chronik, wenn auch nur mit Beyreuß zusammen, und sonst in guter Gesellschaft vor der Nachwelt zu erscheinen. Jetzt macht er sich durch Tätigkeit bemerklich und hat ein starkes Auditorium. Er ist aufmerksam auf das, was um ihn her geschieht; sogar besucht er meine häusliche Schulmusiken, wo er manches hübsche Kind sieht, läßt sich die Versuche gefallen und sagt wohl gar ein lehrreiches Wort, das ihm vor vielen zusteht.
Auch in meine Juden, wie er sie nennt, ist er gefahren und hilft ihnen den Beutel austreiben, wo man denn gut ißt und schlecht trinkt.

Er wirft mir vor, daß ich die Judenmädchen protegiere, und in der Tat, ich bin ihnen was Romulus den Sabinerinnen: sie sind bildsam, fähig, willig und kaufen immer das Beste. Das will man doch nicht schelten.

Indem Du meines Umzuges gedenkst, ja Dich an meine Stelle setzest, will ich nur sagen, daß ich eine heitere nette Wohnung in einem von Grund aus neuerbauten Hause eingenommen habe. Ein mäßiges Musikzimmer neben einer freundlichen Schulstube, ein Besuchzimmer und noch zwei gute geräumige Piecen für Doris und Rosamunde liegen in der beletage. Mein Studier- oder Arbeitszimmer habe ich neben meiner Musikalienstube auf dem Dachboden aufgeschlagen, wo es ruhig, ja heimlich und meinem Sinne gemäß ist. So sitze ich wie eine Spinne, lasse meine Fäden aus und ziehe an mich, was mein Netz berührt.

Der Maler Hensel ist mit dem Schauspieler Wolff abgereiset, um Dich aufzusuchen. Hat denn der junge Mann wohl die beiden Jetons mit einem Briefe an Dich abgegeben? Hensel geht nach Italien und ist ein flinker Zeichner. Er reiset auf königliche Kosten und hat königliche Aufträge, Kopieen zu liefern.

Den 8. Da Du so freundlich meiner Reisetagebücher gedenkst, muß ich wohl sagen, daß ich vorgestern einen recht angenehmen Besuch gehabt habe. Die Gräfin Einsiedel (Ortsherrschaft von Herrnhut) mit der Oberschwester Fräulein Fabricius sind zum ersten Male in Berlin gewesen, haben unsere Anstalten, Museen, Galerieen und dann auch unsere Singakademie besucht. Es ward eben der Geburtstag des Königs durch ein Tedeum von Händel gefeiert, und es muß mir lieb sein, ihre mir erwiesene Höflichkeit durch etwas Unsriges auszugleichen, da ich selten in den Fall komme.

Was soll ich denn nun Dir tun, Du Guter, da ich kein Geschütz bediene, das bis in Deine Ferne reicht? Und fast denke ich durch Deine Vorstellung davon zu gewinnen. Die Berge werden immer kleiner, indem man hinansteigt.

Den 9. Soll man wohl nach 50 Jahren die »Pücelle« wieder lesen? Ich bin im 14. Gesänge, weiß aber nicht, ob ich durchkommen werde. Wie man so was ohne alle Liebe schreibt! Was die ewige Natur ihrem Lieblingsgotte verdeckte, wird mit den Beinen gegen das himmlische Licht gekehrt und zwar in 20 Gesängen. Der Kerl ist ein echter Franzose. Die schönsten Verse — Goldfische im Stinkpfuhl.
Es ist Sonnabend. Lebe wohl! Lege mich Deinem guten Großherzog zu Füßen. Sein Name lebe mit dem Deinigen, wie er Dich fand, hielt und behielt!

Dein

Z.

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