2016-10-27

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 19.11.1823 (424)



424. An Goethe 19.11.1823

Ehrenbreitstein, den 19. November.

Die hiesige Festung finde ich bewundrungswürdig ausgestattet. Ich verstehe nicht davon zu reden; Militärs halten sie für einzig in ihrer Art. Denken kann ich sie mir wie eine ausgeputzte Braut, die einmal einer mit Ehren beschlafen kann, was wir nicht erleben wollen.

Medizinalrat Wegeier begleitete mich auf die Karthause und drückte mich oben auf einen Stein nieder. »Hier«, sagte er, »hat der große Goethe gesessen und frische Milch genossen, wozu er sich so viele Zeit nahm als Penelope zu Ulysses’ Kleide.« — Du merkst demnach, daß mehr Leute Dein gedenken und sich Deiner Worte freuen.

Eine Ausruhe in gewissen Dingen ist mir auch wieder zugute worden. Seit zwei Monaten hatte ich nichts gelesen, es tat mir fast leid, keine Bücher mitgenommen zu haben. So finde ich bei meinem Wirte Dein »Hermann und Dorothea«, kucke hinein, lese zu Ende, fange von vornen an, ergötze mich, als wenn es was Neues wäre. Sei gelobet dafür, evoe! Daß meine Doris in Berlin glücklich angekommen ist, habe endlich hier erfahren, und nun steure auch ich zurück und hoffe Dich wohlauf zu finden.

Arndt, den ich in Bonn besuchen wollte, war nach Köln, doch fand ich sein tüchtiges Weib, Schleiermachers Schwester, welche das vierte Kind unterm Herzen hat. Er hat sich außer der Stadt, hart am Rhein, ein gutes massives Haus erbaut, gerade den Sieben Bergen gegenüber und zwar so, daß der Rhein, wenn er es ernstlich meint, ihn eben noch packen kann.

Berlin, den 27. Dezember.

Seit Sonnabend den 20. strecke ich meine lange Glieder nun wieder im eigenen Bette. Die Reise ist mir nicht schlimmer bekommen, als wenn ich hätte das Zimmer hüten müssen. Was der gute Hofrat Rehbein von mir denken wird, daß ich ihm aus der Kur gelaufen bin! der wird mich für den größten Taugenichts von Patienten halten. Leider kann ich nun einmal das solenne Kranksein nicht aushalten; entweder ich schlafe dabei ein oder ich desertiere. So ist es, wenn man keine Erziehung hat und keine Konduite.

Als ich das erstemal zu Dir nach Weimar kam, hatte ich meinen Weg über Jena genommen. Es war im strengen Winter, und die Winterlandschaft zwischen Naumburg und Jena setzte mich in größten Affekt. Die nämliche Wirkung ist auch diesmal wieder erfolgt, als wenn ich mein Leben lang so etwas Schönes nicht gesehen hätte. Diese Felsen mit frischem Schnee gepudert, das Tal unten, da aus der leichten weißen Decke frische Grasspitzen hervorlächeln, von oben ein mächtiges Sonnenlicht aus Tropfen des Taues zurückstrahlend, ruhige Temperatur der Atmosphäre, Gesellschaft einer Flasche Madeira, welche mir die treffliche Frommann eingelegt hatte, kein Vogel, kein Wurm zu sehn und ich der einzige voll und durch und durch Genießende solcher mächtigen Gabe — so bin ich in weniger denn 6 Stunden nach Naumburg gekommen, da ich mir noch vor Abend die Domkirche betrachten konnte.

Dienstags früh ging’s nach Schulpforte, wo ich nach einigen Ohreneinreibungen ein gastliches Mittagsmahl beim Konsistorialrat Ilgen neben seiner muntern Frau einnahm, wobei denn Deiner im guten gedacht worden, denn auch Minister v. Humboldt war eben dort gewesen. Nach Tische zurück nach Naumburg, wo noch die herrliche Silber-mann’sche Orgel in der Stadtkirche gehört wurde, und abends spät genug in ein gutes Bett.

Mittwochs früh den 17. Dezember von Naumburg ab und gegen Mittag in Weißenfels. Hier habe ich einen 19jährigen tüchtigen Musiklehrer, der mit seinem Chore die artigsten Evolutionen machte. Gesund, munter, kräftig, fertig, willig, treuherzig. Er heißt Hentschel und soll empfohlen werden.

Herrn Müllner fand ich abends in der Ressource; er erkannte mich bald wieder und will mir nicht böse werden.

Donnerstag; den 18., über Merseburg, wo wir in der Domkirche eine schöne Orgel haben, und sogleich nach Halle, wo ich um 3 Uhr im »Kronprinzen« noch wohlgekannt abtrat.

Die hiesige Musikdirektorstelle des verstorbenen Türk ist durch einen meiner Schüler besetzt, der kein Hexenmeister ist und mich sonst lieber gehn als kommen sieht. Diesmal war es anders. Er hat dem Könige eine Sammlung Kirchenagenden und Choralwerke angeboten, und der König ist so gnädig gewesen, ihm dafür 3000 rh. zu bewilligen, weil die Sachen wirklich gut und wohlerhalten sind. Darüber ist er nun hoch erfreut, und da ich sie im Empfang zu nehmen habe, empfing auch er mich aufs beste. Abends in der Freimaurerloge dirigierte er ein leidliches Konzert, ich war dazu und zu einem frugalen Mahle nach der Musik

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