27.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 03.11.1823 (421)



421. An Goethe 03.11.1823

Der Organist Schumann weiß sich was mit seiner Orgel, die er gut in Ordnung hält und sich regelmäßig alle Donnerstage allein darauf hören läßt; da ich ihm hierüber mit einem guten Worte entgegenkam, fing er dermaßen an zu holländern, daß unsre Damen mich beim Ärmel davon rissen, denen schon eine volle Stunde Orgelspiel Übermaß gewesen sein mochte, was sie jedoch als Kenner nicht Wort haben wollen.

Die Freude, ein solches Meisterwerk in seinen Teilen zu erkennen, ist anziehend genug, indem man dadurch mit dem Meister teilt; ich werde zeitlebens an diese glückliche Stunde zu denken haben, denn das war der wesentliche Zweck meiner Reise nach Holland, das sonst kein Aufenthalt für mich ist, wie man sich auch dort gefällt.

Elberfeld am Rhein, 3. November.

Das Ideal, das ich von Holland und seinen Bewohnern mitgebracht habe, ist zu einem Kuchen geronnen, der unverdaulich in mir liegt wie Ein Magen im ändern. Ein großes Stilleben, ein Enthusiasmus an freiwilligen Ketten. Diese Ruhe, dieses Kommenlassen ohne scheinbares Erwarten! Man ist im Zimmer zusammen wie auf einem Schiffe, jeder bei sich selber. Man nennt es Phlegma, was es nicht ist, es hat Methode und inneres Leben.

Im Saale Felix meritis wird ein großes Konzert gegeben; man kommt, nach und nach; erst gegen das Ende füllt sich der Raum, man muß dagewesen sein, man hat’s bezahlt. Meist junge Leute. Die Herren rauchen, die Frauen stricken. Man sitzt, keine Bewegung, nicht links, nicht rechts; einer hat ein Buch und liest, das Ohr selbst ist scheu, laut zu hören. —

Eine Fregatte geht ab nach Ostindien. Alles fährt auf; der Frau fallen die Hände in den Schoß, dem Mann entfällt die Pfeife. Man eilt nach der Rhede, lebendig, erhöht, gespannt. Ganz Amsterdam auf den Beinen; der Hafen wimmelt, man sieht kein Wasser mehr; Grachten, Bollwerke, Brücken mit lebendigem Teppich bedeckt. Es wird gelichtet, es geht von dannen, Kanonendonner, Glückwünsche, Tränen, Glockenspiel, man glaubt, das Inselland drehe sich, denn jedes Auge ruht auf Einem Punkte.

Das alles, sagen sie, ist nichts gegen was war, was wir hatten, Eine Fregatte: lieber Gott! sonst zehn, zwanzig und mehr — kurz, die gütige Vorsehung hat sich einmal wieder nicht rekommandiert. Da haben denn die Prediger alle Hände voll, zu beschwichtigen, zu beschelten und am Kompaß zu drehen.

Ein geistlicher Jubilarius hatte an seinem Ehrentage von der Kanzel die Rückstände berechnet, welche er durch die französische Invasion im Laufe seines Amtes von der Gemeine zu fordern habe. Das, meinen sie, schicke sich nicht; er lebe ja heute noch, und die Teufelsfranzosen wären längst ad inferos geschickt, und so weiter.

Oft genug habe ich die Holländer grob schelten hören, sie sind es nicht; da sie alles kommen lassen können, so ist es ganz in der Ordnung, wenn sie nicht zuvorkommend sind. Eine Spazierfahrt von mehrern Stunden mit der Dame meines Hauses und ihrer ältesten Tochter ist mir sehr belehrend und angenehm gewesen, beide vollkommen unterrichtet, wirtschaftlich, natürlich und liebenswürdig. Man fährt von Amsterdam nach Harlem und zurück auf einem schmalen Damm, der den Südersee und den Harlemer See scheidet. Es ist vieles hier gelungen, und nun wollen sie noch den Harlemer See ganz austrocknen; womit weiß ich nicht.

Ich wollte über den Haag, Rotterdam und Dünkirchen zurück nach Düsseldorf gehn; die rauhe Seeluft hatte mich jedoch so angegriffen, da ich doch ganz allein in fremdem Lande und des Holländischen vollkommen satt bin, daß ich meinen Rückweg über Nimwegen durch Geldern nach Düsseldorf gegangen bin, wo ich ein paar Tage ausgeruht habe, da ich die vorige Nacht unter lauter Regen gereiset war.

In Neuß habe mich einige Stunden aufgehalten, um die schöne, sehr große Stiftskirche des heiligen Quirinus zu betrachten. Auf der Kuppel des Chors steht dieser Heilige in ganzer Figur, wo er sich dann vielleicht besser ausnimmt als im Leben.

In Düsseldorf habe gestern eine deutsche Komödie gesehn, worin Friedrich der Zweite und Voltaire sich ganz wunderlich haben. Ei nun, man redet doch noch davon, aber man erfährt bei der Gelegenheit, daß die Nachwelt kein Haar besser ist als die Zeitgenossen.

Das Wetter ist umgeschlagen, es regnet tüchtig, und doch bin ich leicht und froh, wieder zwischen Bergen und Flüssen zu leben; wie wird mir erst mein alter Berliner Sand behagen! Einen lustigen alten Musikdirektor habe in Düsseldorf kennen lernen, der in der Tat was versteht. Der alte Kerl hat sich gefreut, daß ich ihn (aus langer Weile) sogleich aufsuchte. Ich bin ihm ein berühmter, ein großer Mann, und er ist so dick, daß er kaum gehn kann, und er hat mich so in Atem gesetzt, indem er mich überall umhergeführt hat, daß ich Blasen unter den Sohlen habe. Er hat studiert, versteht Latein und Griechisch, in musikalischen Dingen sind wir Eines Sinnes, und nun war der Teufel los. »Hört ihr wohl, ihr Hallunken? habe ich euch das nicht hundertmal gesagt? Nun hört ihr’s, daß ich recht habe und mehr verstehe als ihr. Er ist hier fremd und sagt es höflich, und ich bin grob wie ein Ochs, aber das tut nichts, die Sachen sind dieselben.«

Er hat eine Singgesellschaft und eine Liedertafel, und sie machen große Dinge. Wollte ich nun den Kerl vom Leibe haben, so mußte ich wegreisen; denn in seinen Stuben stank es so verflucht, weil darin gekocht wird, daß ich umgefallen wäre. Er hat mir eine Empfehlung aufgedrungen, die ich beilege, weil ich mich sie abzugeben schäme. Dir aber will ich sub rosa dadurch zu erkennen geben, was ich für ein Kerl bin.

Cornelius war eben von München zurückgekommen; durch ihn erhielt ich die Erlaubnis, die Galerie zu sehn, die jetzt sehr klein ist, doch gute Sachen enthält. Außer der einzigen

(Beilage)

Düsseldorf, den 2. November 1823. 

Verehrungswürdiger Freund!

In der festen Überzeugung, daß es Ihnen die größte Freude gewähren wird, den so hoch verdienstvollen und berühmten Professor Zelter persönlich kennen zu lernen, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen diesen mit Recht so hoch gefeierten Patriarchen der Tonkunst der innigsten liebevollsten Aufnahme anzuempfehlen. — Ich darf Ihnen nicht erst lange erzählen, was dieser herrliche Mann alles für die Verbreitung des Gesanges und Aufrechthaltung der Tonkunst durch seinen unermüdeten Eifer getan hat, indem ich überzeigt bin, daß Sie von denselben Gefühl für ihm beseelt sind, wie es jeder Künstler bei Nennung seines Namens sein sollte. Sprechen Sie ihm nur zwei Minuten, und Sie müssen ihn lieben. — Ich freue mich, Sie bald zu sprechen, um mich recht viel von ihm mit Ihnen unterhalten zu können. Bis dahin wie immer

Ihr

ergebenster Freund und Diener 

Burgmüller.

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