27.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 13.11.1823 (423)



423. An Goethe 13.11.1823

gestern mit, was er seit langer Zeit nicht mehr getan hat, sintemal Uneinigkeit eingetreten war, indem die meisten niemals wissen, was sie wollen. Nun sind die Sachen wieder geleimt und mögen halten, wie sie können. Der Abend in seinem Hause war sehr angenehm, und ein Töchterchen, die eine Zeitlang in Weimar erzogen ist, nahm sich auch nicht übel dabei aus, indem sie servierte und mir Apfel schälte.

Nun aber muß ich machen, daß ich hier wegkomme, sonst machen sie mich fett oder spannen mich zu dem ändern lieben Vieh. Das geht aus einem Gymnasio, einem Collegio, einer Kirche in die andere, und ich rieche endlich nach pure Jesuiten, Minoriten und Karmeliten. So habe heute und gestern nicht weniger als 5 Missen und zwei Liedertafeln in mich aufgenommen, die freilich nicht zu schwer verdaut worden.

Von der Wirkung einer mäßig besetzten Musik in der großen Domkirche habe ich keine Vorstellung gehabt, kaum daß ich meinen eignen Ohren traue. Du weißt, daß die Orgel inmitten der Kirche im Chore steht. Anfangs war ich unter den Musikern, um zu sehn, wie sie sich haben; dann ging ich unten und hörte in allen Teilen der Kirche die Musik, welche mich von oben weggejagt hatte, aufs schönste und deutlichste. Daß ihr guter Wille und Freude an der Sache den verdienten Beifall erhält, ist ihnen ganz recht; doch habe schon zu verstehen gegeben, daß, wenn ich wiederkomme (was freilich nicht geschehen wird), einige Anforderungen mitkommen werden, und dann wird man wohl andere Saiten gegen mich aufziehn. Die Sachen sind zu tief eingeschlafen.

Aus uns wird eben nicht viel gemacht. Am Ende sind sie hier, was sie sind, und doch gut. Von dem, was manchem von uns hier zu hören gegeben wird, habe ich das Gegenteil erfahren; sie wissen auch recht gut, daß ich ihnen nichts nehme.

Neuwied. Freitag; den 14. November. Bis hieher habe ich Ursache genug, mit mir und meiner Reise zufrieden zu sein. Das schönste Wetter dauert fort, obgleich es tüchtig friert. Am meisten dürfte man sich wundern über die Leute, die, sich freundlich erweisend, mich beklagen, daß ich nicht eher gekommen bin, als ob man Berg und Tal und Fluß niemals grünen, blühen und fließen gesehn hätte, und sich zuletzt noch findet, daß man keinen zu Hause angetroffen hätte.

Gestern mittags um 11 Uhr fuhr ich von Bonn mit Schnellpost ab. Es hatte stark gefroren, und ein dicker Nebel ging hernieder, daß man von Godesberg aus das Siebengebirge nicht sähe. Die Sonne war stark genug, sich hin und wieder einzubohren und das Ganze in kleinere Massen zu entzweien.

Eine ganz ungeheure Nebelmasse drängte sich furchtbar zusammen, indem sie die ganze Sonnenscheibe belagerte, und es entstand ein Kampf, des Anschauens würdig. Der übrige Himmel nun hell und die drohende Gestalt zusammengepackt in streitender Position, lange sich behauptend. Das Schauspiel geschah rechts vor meinen Augen über dem Hammerstein, dem ich entgegenfuhr.

Endlich umspann die Sonne die Ränder der Masse mit goldenen Fäden wie eine Spinne die Fliege. Die Wolke nahm Eine furchtbare Gestalt an über die andere: jetzt ein Löwe, dann ein Fisch mit Hörnern, ein Drache und jedes noch unbekannte Untier, und ging zuletzt überwunden vor meinen Augen zur Erde. »Nun sage mir, Vater«: ist’s ein Wunder, wenn die Gelegenheit den Poeten macht, und wirst Du mich nicht für ein ähnliches Tier halten? Doch damit Du mir nicht zuviel Ehre antust, will ich nur gestehen, daß dies Bemerkungen meines Schirrmeisters sind, neben dem ich mir den Platz erkauft hatte und dessen Worte ich zum Teil niederschreibe.

Diese Nacht habe ich einen verfluchten Traum gehabt: Ich trat unerwartet und unverhofft in Dein Haus und habe mich dort so schlecht aufgeführt, daß man mir das Consilium abeundi gab und mich hinauswarf. Die schöne Ulrike aber war die Ärgste; sie zankte, schrie, biß und stieß, daß mir die Knochen noch weh tun.

Hier finde ich einen ehemaligen Schüler, namens Braun, der eine meiner Schülerinnen geheiratet hat und Direktor des hiesigen Gymnasiums ist. Er ist einer von den Besten: ernst, geschickt, willig, dreist und jung. Die Frau steht ihm bei, unterrichtet Sängerinnen und ihre Küche deutet auf eine tüchtige Hausfrau.

In Bonn hatten wir einen jungen Musikdirektor angestellt, der schon zwei Monate dort ist und noch nichts angefangen hat, worüber er gegen die 300 Ursachen angibt. Er hielt eben seine erste Vorlesung an die Studenten und zwar über den Generalbaß, wie er sein Gerede nennt. Der junge Mann hat in Berlin Philosophie studiert und ist in Gießen Doktor worden. Ich habe ihm eine Perücke von dort aus versprochen und angeraten, erst etwas zu tun und dann darüber zu reden; die Kunst bestehe nicht in Worten, und so weiter. Die Unverschämtheit solches jungen Gezüchtes läßt sich nicht mit Worten sagen. Sie predigen von den Lehrstühlen herab, die alten Lehren gälten nicht mehr; man könne das alte Geröll nicht mehr brauchen, und es fehlt an nichts, als daß Mozart, Haydn, Händel und wer noch von den Toten auferstünden und zu ihnen in die Schule gingen. Ich habe ihm zu verstehn gegeben, ich sei ein artiger freundlicher Mann, und werde ihm den Hals brechen, wenn er mir die alten guten Regeln angreift.

Wir kennen den musikalischen Doktormantel schon von Forkel her: auf beiden Seiten rechts. Bei den Musikern geben sie sich für Philosophen und umgekehrt; doch wir protestieren und lassen nicht ab.

Hundeshagen fing mich auf der Straße auf und schleppte mich auf seine Stube, woselbst er mir in der Tat hübsche Sachen vorzeigte und zwar von ihm selber. Er baut hier, zeichnet, disponiert und ist lesender Doktor an der Universität. Er hofft ordentlicher Professor hier zu werden, woran kein anderer glauben will, indem sie ihm allerlei zur Last legen. Sonderbar ist, daß es nirgend mit ihm fort will, wiewohl er ein recht geschickter Mensch ist. Er hat ein Manuskript des Nibelungenliedes, das er für echt hält und den Beweis zu führen glaubt; das Gedicht ist schön geschrieben und mit hübschen alten Bildern geziert.

Ehrenbreitstein

alle Briefe                                                                                                                                     weiter



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de