2016-10-04

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 18.04.1823 (408)



408. An Goethe 18.04.1823

Wie ich Dir ja wohl schrieb, hat er sich sehr günstig über unsere Karfreitagsmusik finden lassen und dabei denn manches Verfehlte bemerkt. Graun hat zum Exempel skandiert:

»Und was er zusaget, das hält er gewiß.«

Solch ein gar zu großer Fehler, meinte er, wäre mit einem Federstriche wegzutun, und dies letztere sei meine Arbeit, wo nicht meine Pflicht. Fürs erste, erwiderte ich, sei dieser Fehler als längst verziehen ins Hauptbuch des allgemeinen Gedächtnisses eingetragen, indem man an solchen Zeichen das Werk, ja sich selbst wiedererkenne — wie seinen Cicero an der Kicher.

Dann wäre noch auszumachen, ob der Fehler auch in der Melodie stecke, die als natürlich, ja das Rechte bedeutend anerkannt sei; denn das Wort verlange so gut wie der Ton seine eigenste Stelle, und ein Vers, der sich nicht bequem singen lasse, seinem Gedanken nicht wie ein leichtes Kleid sitze — sei immer kein guter Vers, um seinetwegen die Melodie zu verschneiden.

Endlich sei es bedenklich, solche Kleinigkeiten an vorzüglichen Werken zu rektifizieren, wo oft kein Ende ist, wenn ganz zuletzt ein ehrlicher Poet wie Homer — durch grübelsinnige Entmängler um seinen großen Namen kommen sollte.

Der alte Kapellist Mengis, ein Schüler von Graun, behauptete einst, daß man in seines Meisters Werken keinen Fehler gegen den reinen Satz fände. Ein Hans Vorlaut (das war Ich) denunzierte ein paar verbotene Quinten im ersten Choral der Graun’schen Passsionsmusik. »Die möchte ich auch wohl sehn!« sagte Mengis.

Die gedruckte Partitur ward geholt und die Quinten nachgewiesen.

Nach einigem Sinnen sagte der alte Mengis: »So ist’s, wenn kleine Leute große Männer zu richten sich vermessen. Wissen Sie also, junger Herr: diese Quinten sind mit bester Kunst geschrieben und gestellt, indem sie hier das Wort )Freveltat< bezeichnen!«

»Du, dessen Augen flössen,
Sobald sie Zion sahn
Zur Freveltat entschlossen.« etc.

Nun hat diese Kritik ihr halbes Säkulum auf dem Nacken und könnte ruhig ihr Grab füllen, doch ihr zum Trotze gedenke ich noch gern des alten treuen Mannes, der mir bis an seinen Tod gewogen war.

Weiß ich nichts Neues zu berichten, so gedenke ich schreibend Deiner, was mir so notwendig ist wie Morgenlicht.

Die Post will fort, und das Blatt liegt lange genug; also nur noch meinen Gruß an Deine Götter.

Berlin, 18. April 1823. Z.

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