27.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (418)



418. An Goethe ohne Datum

Eine Töchterschule in Magdeburg unter dem Direktor Heyse hat mich ganz bezaubert. So viele meistens schöne, jugendliche Munterkeit und Zucht, die erste Morgenröte des Geschlechts, nichts Verwachsnes, derb und gesund, von 8 bis 14 Jahren. Sie sangen sogar recht ordentlich, zusammen und einzeln, und auch nicht ein einziges widerwärtiges Gesicht.

Unmittelbar darnach gehe über die Straße. Ein Fuhr mann hatte sich selber totgefahren. Die Frau kommt gelaufen: »Hab’ ich’s nicht immer gesagt, der Kerl wird sich einmal totfahren! Was fange ich nun mit den Kindern an?« Und dabei heulte sie und rang die Hände.

So hätten wir’s nun bei uns eben auch; fast die nämliche Geschichte. Schink, derselbe Schink, der den Faust geschlachtet hat, kommt in einen gewohnten Kaufladen und findet die Frau in tiefer Trauer. — »Ja, mein Mann ist tot.« — »Nun, Sie sind eine junge hübsche Frau, Sie werden nicht lange verlassen sein.« — »So? warum nicht gar! das fehlte mir! Damit ich wieder solchen Heuochsen am Halse habe! Stellen Sie sich vor, Herr Schink: Wir haben Wasser im Keller; was tut der dicke Kerl? Er zieht den Rock aus, trägt etliche hundert Eimer Wasser aus dem Keller, wozu ja Volks genug ist; erhitzt sich, erkältet sich, legt sich und stirbt. Nun habe ich’s! Ist das recht? Es ist noch nicht acht Tage, er ist kaum kalt, ich soll heiraten! Daß Gott erbarm! Ja, das fehlte mir! Ach Gott! mein Mann, mein lieber Mann!« — und so weiter.

Montag, 15. Zum 4. Male bin ich in Westfalen, jetzt bin ich zum ersten Male in Soest. Aus einem verlassnen Minoritenkloster haben wir ein Seminarium gemacht, wo ich einen Singlehrer sitzen habe. Es hat seine Schwierigkeiten, aus abgetragnen Kleidern neue zu machen, doch ist es gut, daß ich hergekommen bin. Die alte treffliche Kirche dicht an diesem Kloster wollten sie verkaufen, das sollen sie bleiben lassen; den das Seminarium hat keinen Hörsaal und das Gebäude ist gut gebaut, und die Stadt hat Kirchen überflüssig. In der Domkirche hängt ein Gemälde, das Abendmahl vorstellend, statt des Osterlamms liegt ein Schinken auf dem Tische und ein wilder Schweinskopf.

Von Minden her habe ich die ersten Meilen durch die Porta Westphalica zu Fuß gemacht. Die Gegend ist von eigener Schönheit. Die Weser zieht sich wie ein Silberfaden, kaum sichtbar, durch ein breites Tal, wenn ein weites breites Bett zwischen den Bergreihen deutlich anzeigt, wie korpulent sie gewesen und beim Austreten wohl noch sein mag.

An der Tafel meines Gasthofes speiset man vortrefflich; Wirt und Wirtin, mit am Tische, sind ein junges, hübsches, lebhaftes Paar, wie denn der gesellige Ton des Orts kaum besser gefunden werden könnte. Mit einem preußischen Obristlieutenant v. Zastrow, der bei Ligny den linken Arm verloren hat, war ich bald accord, wie ich in Berlin mit mehrern Zastrows jung gewesen bin. Gestern abend nach Tische, beim Glase, wurden Geschichten erzählt. Ein Tobaksfabrikant aus Osnabrück hatte sich schon etliche Male etwas dreist über Preußen ausgedrückt und fragte den Obristlieutenant, wo er seinen linken Arm habe. »In der rechten Tasche«, war die Antwort, und so zog er ein Pistol hervor und legte es auf den Tisch. Dann fuhr er fort: »Meine Herren, ich bin kein Prahler und kein Raufer, aber niemand soll mich für einen Krüppel halten.«

Nachher zog er mich in ein Fenster. »Man lebt recht gut«, sagte er, »unter diesem Volke, aber sie können uns noch nicht wieder gewohnt werden, und daher muß man sie am Stricke halten.«

Ein französischer Soldat aus Wesel, wahrscheinlich verwundet und gefangen, machte Konzert mitten auf dem Markte, indem er mit dem Munde, mit beiden Händen, beiden Elbogen, beiden Knieen, beiden Hacken so viele verschiedene Instrumente spielte, pfiff, schlug und stieß. Zwei Töchter sangen und bliesen auf Panflöten dazu, gestreckte französische Figuren, jung, nicht unschön, schicklich. Der schönste Mann von 60 Jahren, mit prächtigem Knebelbarte von zwei natürlichen Locken, stand er fest wie eine ionische Säule, indem alle äußere Gliedmaßen in kaum sichtbarer und doch lebhafter Bewegung waren. Ich mußte zweimal um ihn herumgehn, um ihn ganz zu beobachten. Er beantwortete einige Fragen gut deutsch, wollte aber durch aus nicht Rede stehn. Die Sache hat mich durch und durch ergriffen. Ich habe ihm mehr gegeben, als ich missen kann. Die Tochter mußte es nehmen. Mir fiel das alte Lied ein: »Keinen hat Gott verlassen.«

Münster, den 16. Oktober.
Seit vorgestern bin ich hier. Das Theater ging eben an. Eine Madame Fries aus München ließ sich als Phädra heraus und zwar mit Beifall. Du kannst Dir vorstellen, wie ein solches Stück unter uns Westfälingern wirken kann, da jeder etwas darüber sagen soll und will, und was man da alles hören muß von Weibern, Kindern, Papaen und Mamaen. Genug, Madame Fries ward mitten im Stücke hervorgerufen, und Phädra ward beklitscht, beklatscht, vorn und hinten nach Gelegenheit.

Um mein ausgefahrnes Herz zu pflastern, ging ich gestern ins Intermezzo. Ein Herr Wurm, den ich früher in Berlin gesehn und seit der Zeit soviel gehört von ihm, sollte mich kurieren. Er hat mich kuranzt mit Gemeinheit und Plattheit, daß mir die Ohren stinken. Er war ein berlinischer Straßenjunge und als solcher von Talent; so ist er fortgeschritten. Das Haus war zum Brechen; ich habe mit Gefahr ein Billet erzwungen und bin vor dem Ende herausgegangen, wo es nicht viel leichter war, auf die Straße zu kommen.

Der alte Rathaussaal, worin der Westfälische Friede beschlossen und beschworen worden, ist noch im alten Zustande zu sehn und wegen des besondern Schnitzwerks in Holz merkwürdig. Du würdest die besondern Deutungen, die sich auf den Bauernkrieg zu beziehen scheinen, bald ausfinden. Zwei geköpfte Männer, aufrechtstehend, mit Schwertern in Händen, streiten miteinander um einen abgehauenen Kopf, den sie mit der Linken bei den Haaren festhalten.
Wird fortgesetzt.

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