04.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 22.04.1823 (409)



409. An Goethe 22.04.1823

Seit fünf Monaten habe ich eine Schülerin, die den garstigen Fehler hat, reich zu sein.

Eine 17jährige frische Blondine mit feinen pechschwarzen Ringelchen über den blausten Augen; festes Fleisch, muntere Bewegung und Sprache, eine Stimme wie ein Glockenspiel und bei dem besten Anstande die unschuldigste Lust an sich selber.

Für jede Lektion bekomme einen Taler und einen Kuß von schönsten Lippen, den Du selber taxieren magst.

Da habe denn die alten Arien, die ich einst unter Freuden und Schmerzen für meine himmlische Julia gemacht, wieder hervorgezogen und gefunden, daß das Singen allein die Arien macht; denn Almonde (so heißt die anmutigste Danzigerin) singt mich 40 Jahre zurück.

Doris geht Ende Junii mit Mendelssohns Schwester nach Ems; so erwarte einen stillen Sommer, den ich anzuwenden gedenke, um meine kleinen Kunstschätze der neuen Wohnung anzupassen.

22. April. Morgens. Eben kommt Dein »Champagnefeld-zug« an. Wir sind sogleich hineingefahren, und 63 Seiten liegen bereits hinter uns.

Vor der Hand bin ich noch geschwollen von der Manzoni’schen Ode, die ich wohl 20 mal gelesen, um sie zu verstehn. Seebeck sagte mir, daß es ihm nicht besser ergangen sei.

Mit dem Verstehen ist es eine eigene Sache. Aufrichtig! verstehe ich die Ode jetzt nicht besser, als da ich sie zum ersten Male las und unwillkürlich auf den rechten Helden bezog. Fast sollte man denken: der unterrichtete Mensch sei nicht so gesund als der natürliche, und sieht man die Geistesgerbereien um uns her an, so scheint etwas Wahres daran zu sein.

An Deiner Breifahrt durch Champagne ergetze ich mich hinterher mit ähnlichem Anteile, den ich schon vorher an der hirnlosen Unternehmung nahm, und buttre frisch mit. Jetzt bin ich auf dem Rückmärsche, oder auf der Rückmansche — in Longwy.

Was ist es denn nun mit der Welt, wenn ein Mann von solchem Wert und Würde wie der gute Braunschweig auf so gemeine Art vor aller Welt zuschanden wird! Unbegrüßt, unbeklagt — ein Narrenspiel in secula! Mich Unwissenden verlachten, verwiesen selbst Freunde, die alles wußten; es fehlte wenig, so ward ich, der bürgerlichste Bürger der Hauptstadt, mit Leuchsenring zugleich auf die Grenze gebracht. Ich stand auf der Liste. Und heut — soll ich damals recht gehabt haben!

So fällt mir unser Oberbibliothekar Wilken ein, der seit 4 Wochen verrückt ist, und die Ärzte befürchten einen permanenten Zustand.

Drei bis 4 Unterbibliothekar[e] sind leidtragend in Freuden, den vorgezognen Oberverstand ad minus nihilum degradiert zu sehn. — Ein alter Vetter Zimmermann hatte das Sprichwort an sich: »’s ist angenehm, aber auch ekelig!« Seite 226. »Ich habe von den Unsrigen gesehen, für welche der Wahnsinn zu fürchten war.«

Möchte ich doch sagen: ich habe noch mehr gesehn! Ein Jugendfreund völlig meines Alters, Soldat von Kenntniß, Entschlossenheit, Mut und Willen, Friedrich dem Großen empfohlen durch den Herzog von Braunschweig selber als sein unmittelbarer Schüler, der Obrist v. Massenbach sitzt noch heut als Staatsverbrecher im Gefängnisse. Ich glaube ihn strafbar und muß ihn dennoch zu den treusten Dienern zählen, die je ein Herr gehabt hat. Vielleicht weiß er es jetzt selbst nicht mehr — so können Ab- und Umstände den gesundesten Sinn in Wahnsinn verkehren, wenn Recht und Pflicht sich streiten, und — was haben wir daraus erlernt?

Es ist genug!

Dein

Mehrwillernichtsein.

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