01.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: ohne Datum (405)



405. An Goethe

Die ersten Zeilen Deiner Wiedergeburt haben gleich nach ihrer Ankunft mehr als hundert Augen in Strahlen gesetzt. Sie wurden mir kurz vor der Liedertafel gebracht, da sie von Hand zu Hand als Originalzeichnung zum erquicklichen Schaugerichte worden sind.

Wie bei der Geburt eines erstgebornen Reichserben haben hundert Schlünde sich dreihundertmal zu Deinem Preise entladen; die Champagnerpröpfe flogen wie Schlagröhren gegen die Decke.

Das hat mir denn für folgende Tage Mut zum Schanzen und Ochsen gegeben, bis ich meine Freitagsmusik hinter mir habe.

Lieber Gott! was man ein Wicht ist, wenn man Geld schneiden soll! und doch nur erst wieder ein Kerl ist, wenn man wieder Geld hat.

Und das Publikum — ja das Publikum! Man freut sich, daß ich meine Musik wieder im Opernsaale gebe, und abgerechnet, daß ich hier nicht soviel Leute lassen kann und doppelte Kosten habe, so ist der Saal im neuen Komödienhause bequemer für die Zuhörer und hat einen sehr guten Klang.

Da laufe ich denn mit und jammere im stillen, daß der Unverstand meine Sachen besser versteht als ich. — Alles will regieren und dirigieren, und meine Herren Schüler, sobald diese merken, daß sie mir könnten nützlich werden, sind sie krank, und ich bin der einzige Gesunde, und nach der Arbeit essen sie wieder mit, und ich habe mich denn im langen Berlin ein paar Zolle kürzer gelaufen. Und das war gut! — Das kannst Du mir wohl glauben, die Rezensionen mögen sagen, was sie wissen. Heut ist Sonnabend, und für diesmal wäre ich mit mir wieder davon. Aber was eine gründlich-natürliche Darstellung eines 70jährigen, allgemein bekannten, viele hundertmal aufgeführten Werkes eines sichern Eindrucks fähig ist, habe ich gesten wieder an meinen Zuhörern vor Augen gehabt. Ramlers Gedicht sei, wie es will, und Grauns Musik auch, genug, ihr Werk hat sich ein Volk, einen Glauben erschaffen, dem alles Nacherschaffne nichts anhaben kann, wie man auch für Neueres, ja Besseres, Zeitgemäßes sich stimmen will. Auch die Königlichen Kapellisten, ein abgehetztes Völkchen, haben sich con anima, con amore vernehmen lassen, indem sie sich diesmal wieder an der Sache erfreuten. Daran hat denn auch die Anordnung und Führung Deines Getreuen einigen Anteil, und wenn ich ihnen nichts zu befehlen habe, so habe ich auch nicht nötig, Worte zu machen, da ich mir die Besten aussuche, sie etwas besser bezahle und dafür mit dem Zeigefinger die ganze Musik zu dirigieren imstande bin; ja sie sehen es fast als eine Ehrensache an, mit mir zu agieren.

Die Königliche Kapelle hatte zwei Tage vorher diese nämliche Musik in der Garnisonkirche zum Besten ihrer Witwenkasse vor dem vollsten Auditorium aufgeführt, und einer von ihnen sagte mir, daß ihre eigene Aufführung sich zur meinigen verhalte wie ein stumpfer Gipsabdruck zum Marmor.

Da schwatze ich Dir nun solche Dinge, die Dich höchstens interessieren können, weil es meine Sache ist. — Wem soll ich’s denn sagen? und wenn Du mir nicht wärst, müßt’ ich’s den Wolken klagen, »wie lieb sie mir’s getan«. O des sinnigen Unsinns! Verzeih! wenn ich jetzt an Dich denke, ist mein Herz wie ein frischer Honig, ich könnte es auf Brot essen.

Dein

Z.

Morgen ist Ostern 1823.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de