04.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 02.07.1823 (411)



411. An Goethe 02.07.1823

Berlin, 2. Juli 1823.

So wäre denn ein abermaliger Zug durch die Wüste geschehn und ein neues Lager bezogen, wo man sich fürs erste wieder auf 4 Jahre ansiedeln und eingraben mag.

Hat man sich nicht zu bequem gewöhnt, so läßt sich solcher Umzug fast zu den vergnüglichen zählen, besonders da ich mir die Mitte des Jahres erwählen durfte. Man rekapituliert einen interessanten Teil des Lebens und wird sich einmal selber nützlich, wenn man’s solange außer sich hat sein wollen.

Noch steht alles durcheinander und beisammen zugleich, und es können sechs Wochen vergehn, bis alles seinen festen Ort hat.

Da kommt endlich Dein lang erhofftes Schreiben mit dem Heftchen, das einen großen Schatz enthält und von unserm Philologen für das Höchste gehalten wird, das seit langer Zeit erschienen sei: das bitte ich zu bemerken, er sprach mit Enthusiasmus davon. Ich habe es nur erst durchnascht und meinen Teil schon darin gefunden.

Habe Dank für Deine gute Aufnahme meiner Doris, die Dir die jüngsten Großmütter des Alten Testaments ins Haus bringt. Sie waren ehemals in der Tat schön und liebenswürdig und sind die ersten gewesen, Deinen Wert zu genießen; was ich ihnen um so höher anrechne, da ich ihre Väter gekannt habe, die ganz anders dachten.

Aus meiner Doris Briefe von Frankfurt aus erfahre ich erst, wohin Du gehst, und kann Deinem letzten Schreiben ein bestimmtes Datum geben. Wir bleiben fein zu Hause, baden uns zur Not in alten Partituren und suchen die paar Taler zu verdienen, welche die Reise kostet.

Sonnabend, 5. Gestern abend hat unser Meister Wunderlich in meiner neuen Wohnung, die ihm gefällt, ein Rehzimmer analysieren helfen und schien mit seinem Platze zwischen ein paar geistreichen Frauen auch nicht unzufrieden.

Nun will nur noch erinnern, das neuste Stück »Morphologie« baldigst folgen zu lassen; Du erbaust damit mehr, als Du denkst,

Deinen

Z.

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