2016-10-27

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 17.08.1823 (416)



416. An Goethe 17.08.1823

Berlin, 17. August 1823. 

Da Du mir schreibst, daß Du wohl lange nicht wieder schreiben möchtest, so darf doch ich schreiben, damit der Weg nicht mit Grase bewachse.

Ich bin eben in wunderlicher Kollationierung begriffen, indem ich Deinen »Champagnefeldzug« mit Las Cases Bericht über die Emigranten in Koblenz vergleiche.

Aus entfernten Weltteilen reichen sich diese beiden Relationen über den Äquator hinweg die treue Hand. Wunderbar! — und begreiflich.

Ein alter versuchter Obermilitärarzt, namens Rosenmeier, der, mir nichts dir nichts, das heißt: ohne etwas anzunehmen, mein Ober- und Unterhaus in anständiger Sanität erhält, auch wohl die Arzeneien eigens bereitet, weil er keinem Provisor traut, dieser Rosenmeier sieht letzthin Dein Buch liegen, kuckt hinein und spricht: »Ei, da bin ich ja auch bei gewesen! Darf ich wohl das Buch mitnehmen?«

Heute bringt er mir’s wieder und spricht: »Nun, sehn Sie! Wenn ich so etwas und auf diese Art von mir geben wollte, wie ich’s auch könnte — kein Mensch würde es mir, ich würde mir’s selber kaum glauben.

Aber, bei Gott! ich dachte, ich wäre noch mitten in der Patsche drin, so einfältig und wahr hat der Mann die Sacht? in ihren Winkeln betrachtet und von sich gegeben.

Nun kann ich auch sagen, daß ich den Herrn zweimal gesprochen habe, das heißt: er sprach zu mir, indem ich bei der Arbeit war, und das kam mir so natürlich vor, daß ich bei mir dachte: der müßte wohl vom Metier sein.«

Da nun heute der 17. August ist, so kam er auf seinen alten König zu sprechen, dessen letzte Stunden er mir lebendig darzustellen wußte. Als nämlich der Minister Hertzberg am Todestage ins Krankenzimmer trat, rief ihm der König entgegen: »Wenn Ihr einen Nachtwächter braucht, wendet mir’s zu; ich kann Euch so bedienen, daß Ihr meine Wachsamkeit loben sollt.«

Der Minister hatte Papiere bei sich, nach welchen der König den Arm ausstreckte. »Gebt nur her! Solange das Lämpchen glimmt, muß es gebraucht werden, laßt mir nichts liegen! Das Leben ist kurz.«

Nach dem Tode kamen Weiber, die schon parat standen, die Leiche zu waschen. Rosenmeier ließ sie nicht heran. Der König hatte stets eine unüberwindliche Schamhaftigkeit, selbst in der Krankheit, gezeigt. So war der Rosenmeier gleich beiher, den Körper zu entkleiden, zu reinigen und zu beobachten, und versichert auf seine Ehre, den ganzen Leib vollkommen natürlich und gerecht, besonders in partibus genitalium, befunden zu haben.

Ich bemerkte, daß schon mein Vater einem gewissen Gerede widersprochen und gesagt habe: »Das ist nicht zu glauben! Ein so gesunder Kopf und ein kranker Schw. vertragen sich nicht solange bei einem Hause.«

Den 28. August. Heut ist Dein Geburtstag, und indem ich bedenke, was ich mir für heute zu denken aufgegeben, kommt Dein lebensreicher Brief aus Eger vom 24. dieses, woraus ich Dich in Fülle der Kraft und Macht leibhaft vor mir sehe.

Wenn man zuweilen unter dem Kräuseln und Säuseln des süßlichen Gewässers ohne Fluß und Welle mit eingelullt ist, so nimmt sich das »Quos ego!« eines Gottes gar majestätisch aus, und die alte Kraft kocht wieder von unten auf.

Nur zu, mein Alter! Schelte nur zu! — Sie sind wie die Fliegen, die, hier verjagt, sich dort wieder setzen, bis sie in den heißen Napf niederfallen. Ihnen hilft es nicht, doch fühlt der Redliche sich wieder gestärkt, wenn er der lang gesammelten Galle ledig ist.

Die einzige Freude des Guten an der Welt ist doch, wenn wir Einen kennen, der nirgend wider uns ist.

Haben sie mir doch mein altes Z. in ein Sch. umgetauft, dabei fühlte ich mich zum ersten Male ein Mann. Mancher ist mir davongelaufen, fragend: »Wer ist denn der, der sich so mausig macht?«, und mancher ist wiedergekommen, antwortend: »Ich weiß es nicht! aber er hat recht.« (»Aus meinem Leben. 2. Abteilung. 5. Teil,« Seite 30).

Den 29. Gestern hat die Liedertafel sich außerordentlich zur Feier Deines Geburtstages versammelt, wie Du in der Spener’schen Zeitung vom 30. das Weitere finden wirst. Alle Elemente hatten sich wie alte Freunde zu unserer Lust umarmt; es war ein unaussprechlich schöner Tag.

Sonnabend, 30. »Woran erkenn’ ich meinen Freund, wenn ich ihn finden tu?«

Da hast Du den Fetzen. B. bedeutet Bornemann, der uns manchen guten Vers zur Liedertafel geliefert hat. Der Verfasser des ändern Impromptu ist mir unbekannt. Der Hinterste heißt Podex.

Nun reite zu, Schwager! und schaff mir das Blatt hinweg!

Z.

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