2016-10-01

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe Ostern 1823. (407)



407. An Goethe Ostern 1823.

Ostern 1823

Bist Du es noch nicht satt, so magst Du’s werden. Unterdessen ich meine Helfershelfer von vorgestern auszahle, schreibe an Dich, wenn auch nur um Ablaß, weil ich am Schabbes Geld anfasse.

Auch Meister Wunderlich hat mir eine Sorte von Entzücken zu erkennen geben wollen über unsere Musik. Man sieht sich jetzt öfter als sonst, indem ein recht guter Schüler von David sich unsere beiden Köpfe ausgebeten hat, die zugleich (doch nicht auf Einer Tafel) abgemalt werden.

Um mich zu verschnaufen, habe gestern eine Mademoiselle Pfeiffer aus München »Phädra« spielen sehn. Was ich am meisten an dieser Phädra bewundern muß, ist die Kraft, wenn sie sich wiederholt mit beiden Händen auf die vollen Brüste schlägt, daß es klatscht, und dafür wieder beklatscht wird. Einer von den Orchesterleuten bückte sich aus Furcht vor einer Taufe.

Herr Teichmann bringt mir Deinen Gruß; er ist ganz, ja überlaufend voll von der Freude, Dein Angesicht gesehn zu haben.

Herr v. Henning geht damit um, mir meine beste Altstimme zu verderben, die er heiraten will. Das Mädchen ist wie eine Palme, man kann nichts Edleres sehen.

Sonntag, 7. April. Schönsten Dank für das Gabelfrühstück. Es kam zu ebener Stunde, und habe meinem Malgesellen bei der Sitzung davon vorgelesen, was er behalten kann. Er meinte, er sei auch eben daran, solche artige Wesen hervorzubringen.

Es kann keine wohltätigere Empfindung geben, wenn der in tiefer Seele still bewahrte Zunder, von dem lebendigen Funken ergriffen, zur Flamme wird. Zuletzt fragte ich, was das heiße: »Etiam nihil didicisti!« — Es ist doch artig, wenn er sich stellt, als ob er so etwas nicht übelnehme, denn er hat mir sogleich seine Büste geschenkt.

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