2016-10-04

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 24.07.1823 (413)



413. An Zelter 24.07.1823

Da Deine freundliche Stimme mir bis in diese Wälder folgt, entgegne sogleich mit heitern Worten, um zu vermelden, daß es mir besonders wohl geht; denn vom Hause nach einem so harten Winter, nach einer gewaltsamen Krankheit und einsam-tätigen Monaten beinahe lebensunfähig wegzugehen, war nicht zu verwundern. Reise, neue Gegenstände, Veränderung aller Art, sogar auch Unbequemlichkeit, neue An- und Eingewöhnung riefen mich eigentlich wieder ins Leben. Hier finde ich Berg und Berggenossen leidenschaftlich entzündet wieder; der Funke, den sie von mir aufgefangen, lodert jetzt in ihnen auf den Grad, daß er mich selbst erleuchtet.

So tun auch manche frühere Menschenverhältnisse gar wohl, indem sie Zeuge sind, daß man nach einer Jahresnacht Neigung und Wohlwollen nicht verschlafen hat.

Das Lokale im ganzen, besonders auch wo ich wohne, ist der Geselligkeit günstig genug; es ist eine Terrasse von ansehnlichen Häusern, flankiert von zwei gleichgroßen Gebäuden; in jeder Stadt würden diese Baulichkeiten für etwas gelten. Der Großherzog wohnt in der Mitte, und glücklicherweise ist die ganze Nachbarschaft von schönen Frauen und verständigen Männern eingenommen. Ältere Verhältnisse verknüpften sich mit neuen, und ein vergangenes Leben läßt an ein gegenwärtiges glauben.

Wie ich mit der Erdkunde mich vielleicht mehr als billig beschäftigt habe, so fange ich jetzt auch mit den atmosphärischen Reichen an, und wär’ es nur, um zu erfahren, wie man denkt und denken kann, so ist das schon ein Vorgewinn; man weiß recht gut, daß der Mensch alles, Gott selbst und das Göttliche an sich heranziehen, sich zueignen muß. Aber auch dieses Heranziehen hat seine Grade, es gibt ein hohes und ein gemeines.

Was ich aber eigentlich fördere, ist die Redaktion meiner Lebenschronik. Nach mancherlei Versuchen hab’ ich endlich von der neusten Zeit angefangen, da ich mich denn bei frischem Gedächtnis nicht lange um Stoff zu bemühen brauche; endlich merke, so rückwärts arbeitend, wie das Bekannte, Gegenwärtige das Verschwundene, das Verschollene wieder zurückruft.

In diesem Sinne muß es mir sehr bedeutend sein, wenn ferne Freunde das, was von mir in Druck ausgeht, als an sie gerichtet ansehn; denn ich sehe die Zeit ganz nahe, wo ich mich direkt schriftlich nicht mehr werde vernehmen lassen. Daß ihr mein letztes Heft gut aufgenommen, ist mir deshalb sehr tröstlich; in jedem solchen Hefte ist mehr Leben niedergelegt, als man ihm ansieht. Leider liest niemand heutzutage, als nur das Blatt loszuwerden; darum soll der Schreibende immer tüchtiger werden, um der Nachwelt ein Zeugnis zu hinterlassen, daß er nicht umsonst gestrebt hat.

Wenn Du diese Briefblätter einstimmig findest mit den ernstesten Fichtengebirgen, auf hohem Standpunkt, so gedenke dabei meiner Umgebung, wo eben Gewitter weit ausgedehnt von den Bergen bis hinab ins Land blitzen, donnern und abregnen. Alle unsere nachbarliche Welt ist auswärts, und ich auf diesem wunderbaren Punkt so gut wie allein.

Nun laß mich aber in Dein weit- und breites herrliches Berlin hinabsteigen und Dir Glück wünschen, daß Deine Wallfahrt vollbracht ist. Setze ich mich an Deine Stelle und gedenke an ein Umziehn, so würd’ ich wahrscheinlich in einem viel engern Raum mich auch behaglich finden, wie es mir ja schon zu Hause, besonders aber auf der Reise und in Bädern gar wohl geraten kann.

Mich freut es, daß Du mit unserm Griesgram näher zu leben kamst; im Grunde ist es ihm denn doch um Behaglichkeit zu tun, nur daß er nicht wußte, wo sie zu finden; grüß’ ihn schönstens, ich habe gute Zeit mit ihm verlebt, nur ist meinem Elemente das Widersprechen fremd, und da konnten wir mit den besten beiderseitigen Willen niemals lange zusammen auskommen. Und so sei denn geschlossen! Vielleicht vernimmst Du brieflich lange nichts von mir; demohngeachtet denke mein, und wenn Du wieder einmal eine Reise antrittst, so laß von der ersten Stunde an mich gerichtet werden das Tagebuch, was und wie Du gesehen hast.

Das alles war geschrieben im Vorgefühl, daß mir von Dir was besonderes Gutes kommen werde, und so kommt ein allerliebstes Kind, mir Gruß und Reim bringend, wodurch ich mich überrascht und beinahe verwirrt fühlte. Also den schönsten Dank zum Schluß und die Zusage, daß vor meinem Scheiden aus Böhmen noch ein, ich hoffe, glücklich nachrichtliches Wort erfolgen soll.

Treulichst

Marienbad, den 24. Juli 1823.                      J.W. v. Goethe.

(Beilage)

An Lili

Du hattest gleich mir’s angetan,
Doch nun gewahr’ ich neues Leben;
Ein süßer Mund blickt uns gar freundlich an,
Wenn er uns einen Kuß gegeben.

Marienbad, 23.7.1823.

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