27.10.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (420)



420. An Goethe ohne Datum

Was ein guter Wind ist, mögen sie in Holland ziemlich gewußt haben, nun haben wir vom festen Lande ein Wetterchen anher dazugebracht, das sie nicht verachten; ja man schreibt es meiner Ankunft zu, denn solche Herbstwittrung findet sich nicht zu oft ein. Man wohnt sogar noch auf dem Lande (wie sie es hier auch nennen), und ich selbst schreibe dies heut den 2,6. Oktober nahe bei Harlem zu Saarhof, inmitten dreier Wasser, die etwas mehr sind als Kanäle: vor mir die Nordsee, unabsehlich: rechts der Süder- und links der Harlemer See. Das ist jedoch mein Glück noch nicht alles; denn kaum in Amsterdam angelangt, sitze ich zu Tische neben einem Herrn Sillem, Associe von Hope, und erkenne in ihm den Sohn der würdigsten und reichsten Witwe in Hamburg, der ich bei meiner dortigen Anwesenheit das Glück gehabt habe zu gefallen, weil sie mir unendlich gefiel, weil sie die Wohltäterin von Reichardts ältester Tochter Luise ist, die sie bei sich im Hause hat, der sie viel Gutes tut, woran Reichardt in den letzten Tagen seines Lebens teilnahm. Diese würdige Frau hat nicht weniger als 23 Kinder unterm Herzen getragen, wovon 17 noch am Leben sind. Da Dir nun das Haus Hope und Kompanie nicht unbekannt sein wird, dem ich eben eingelegt bin, so begreifst Du, daß dies die erste Nacht in Holland ist, in der ich nicht zuschanden gefroren bin.

Mein Herr Sillem nun ist ein Mann von 55 Jahren, ein tüchtiger Fußgänger. Unsere erste Arbeit gestern nach Ankunft in Saarhof war ein Spaziergang auf die Dünen der Nordsee, die als Dünenhügel erheblich genug sind, um von einer Höhe von etwa 150 Fuß das unendliche Meer um und um und die ganze von Gewässern durchschnittene Landfläche zu bestreichen.

Ich hatte mich zum Sterben erkältet und seit länger als 24 Stunden nichts genossen; besagte Promenade nun, da man 4 Stunden lang Sandberge geknetet hatte, mochte mein gutes Blut zu seinem alten Takte geholfen haben; denn nach 6 Uhr, da hier Mittag ist, hatte der getreue Appetit seinen vermißten Wohltäter wiedergefunden, und einige derbe Salven aus einer Portweinhaubitze brachten den Feind zum Weichen.

Der Garten an diesem Landhause, der von 80 Morgen Land umgeben ist, erfüllt so ziemlich, was man einen Harlemer Garten nennt. Geistreich auf sogenannte englische
Art disponiert und departiert findest Du Baum, Stauden, Pflanzen, Beet und Treibwerk gemäß und anmutsvoll von und beieinander. Die Treibereien ohne Feuer (da das Brennmaterial hier rar ist) mit lauter Mist sind kompendios und doch großer Art, um das meiste auf die geringste Weise zu haben. Doch — ich verstehe davon nichts.

Durch den Garten, der mit Wirtschaftsgebäuden und einem Schloßgebäude mit Portikus von 6 freien Säulen isoliert liegt, geht eine offne Chaussee und mehrere Kanäle, die nach den Bleichen anderer Besitzer führen; dadurch wird das Ganze sicher, belebt ohne Geräusch, indem es von guten Nachbarn gleichsam bewacht wird. Alles angebaut, reinlich, bequem, munter und still. Es ist lustig, ziemlich große Treckschuiten vor Häuschen vorbeischneiden zu sehn, die sie zu verschlingen drohen wie ein Vogel eine Fliege, und so vorüber wutschen.

Wer mir noch einmal sagt, wie ich oft genug hören müssen, daß man in Holland lauter schlechten Kaffee trinkt, der kann eine Maulschelle kriegen; ich will ein Jurament ablegen, daß es nicht wahr ist. Im Ganzen ist alles rein, gut, ohne Manier, ohne Staat; Du gehst nicht an einem Appartement vorüber ohne einen gewissen Appetit.

Ein Architekt des festen Landes kann hier von vorn anfangen zu lernen. Diese Art von Statik ist wie ein Kreditsystem, wo ein Haus das andere trägt und keins Grund hat. Mir ist, als ob ich könnte in die unterste Etage fallen, und ich wohne unten. Die notwendige Reinlichkeit ist nicht bloß innerlich, die Häuser selbst werden täglich äußerlich von oben bis unten mit Wasser abgewaschen, wozu man sich der Handsprützen bedient, die bis in das 3. Stockwerk reichen; dabei sind sie sämtlich, wiewohl man den besten Schiefer haben könnte, mit schweren Pfannen gedeckt, die ich freilich von Natur nicht leiden kann. Die Chausseen der Landstraßen sind, was unglaublich scheint, durchaus von gebrannten Klinkern, die hart genug, aber spröde sind. Da nun alles Lastwerk zu Wasser geht, so ist es möglich, öffentliche Straßen auf diese Art in solcher Ordnung zu erhalten, das ist: wie eine gehobelte Fläche. Man fährt im Wagen wie auf einem Schiffe, man kann dabei schreiben. Die Wagen sind alle leicht; sehr viele haben nur Eine Achse. Vierrädrige Wagen sieht man wenige, wohl aber Kabrioletts mit vier Pferden, welches in der Regel Reichtum bedeutet, weil Stallung mehr gilt als Geld.

Abends gegen 6 Uhr. Vormittag.

Hat man doch genug gehört von der Harlemer Wunderorgel, und nun habe auch ich nicht bloß davon gehört. Der Herr Organist ließ eine volle Stunde lang Hexereien aller Art von sich gehn, wie sie durch Voglers Sündenfall auf das Geschlecht der Orgeln gekommen sind. Krieg, Schlacht, Krächzen und Ächzen; Donnerschläge, Blitz, Hagel und Regen; Liederchen aus dem »Freischütz«; Chöre, Arien, ja sogar Rezitative aus Haydns »Schöpfung« stolperten, ja purzelten durcheinander wie die Hammel aus dem Stalle.

Denke nicht, ich übertreibe: wahrhaftig! es war so! ja ich finde nur zu oft das Nämliche, und doch weiß ich diesem guten Manne Dank (der sein Bestes tun wollte), indem ich so das ganze Werk von 60 klingenden Stimmen mit 12 Blasbalgen einzeln und zusammen in voller Kraft durchmustern können.

Die Harlemer Orgel ist in der Tat wenn nicht das größte, doch das schönste Werk, das ich vernommen und gesehn habe. Sie ist im Jahre 1738 von Christian Müller gebaut und vollendet und zwar noch heut bei gesundem Leibe. Unter 5000 metallnen Pfeifen, deren größte 38 Fuß lang und 15 Fuß im Durchmesser ist, habe keine gesehn, die Ein Beulchen hätte. Fünftausend Töne ohne Fehler, die hohen hell und weich, die mittlern voll und kräftig, die tiefen mächtig und klar. Das Eingeweide bequem wie in einem gesunden Leibe, im Ganzen endlich beherrschend einen Raum von 111 Fuß Höhe, 175' Breite und 391' Länge: eine Dimension, die schon zu den größten gehört. Der Organist

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