2016-10-27

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 04.10.1823 (417)




An Goethe 04.10.1823

Magdeburg, 4. Oktober 1823.

Wenn meine diesjährige Reise eine Sünde ist, so magst Du sie nur mit auf Dich nehmen, denn nach langem schönen Wetter hat es seit gestern mittag, solange ich hier bin, noch nicht aufgehört zu regnen. Doch Du verlangst Reiseberichte, so bin ich nun doppelt in Amt und Pflicht.

Meine erste Arbeit war, ins Theater zu gehn, wo ein Trauerspiel »Rosamunde« in 5 Akten von Körner nicht zu schlecht gegeben wurde. Auf meinen stillen Reisen finde ich, wo ich nur hinkomme, so hübsche Talente, daß man sich wundert, wie es denn überall in den Künsten dabei nirgends fort will. So habe ich gestern unter 24 Namen, die auf dem Zettel stehn, auch nicht Ein schlechtes Subjekt bemerkt, und alle Fehler lagen ganz allein in der Anordnung des Ganzen. Man kann nicht klarer, verständlicher sprechen, man kann sich nicht leichter bewegen als diese Leute — und doch war alles von oben herein zusammengeflickt, als wenn es nicht zusammen gehörte.

Die »Rosamunde« kennst Du von Wieland her, der eine Oper für Schweizer daraus gemacht und wohl gewußt hat, was Liebe und Eifersucht für Stoff geben. Das alles ist hier durch große lange Worte aufgespreißt und -getakelt, daß die Weiber Rotz und Wasser weinten, und so bin denn auch ich in Frieden davon geschieden. Es mag wohl schade sein um den jungen Mann, aber mehr, als er war, wäre er schwerlich geworden, wenn nicht, was ich vermute, ja argwohne, Papa, Mama und Tantchen die abgefallnen Früchte des vorzeitigen Baums aufgerafft haben, um sie für die Nachwelt aufzutrocknen, wozu es ihnen nicht an Zeit gebricht und an Eitelkeit gewiß nicht.

Aus dem Dom hier in Magdeburg wollen sie einen I Dom grazioso machen, die Altäre und Kapellen herausschmeißen, das heißt: bauen. Vor der Hand haben sie in der Mauer ein rundes Loch gemacht und des guten Funk Büste hineingetan. Der ehrliche Funk nimmt sich ganz kuriose aus. Das hat er nun davon! — Die Orgel wird jedoch repariert, und das hätten wir doch seit Jahr und Tag erscholten, indem die Organisten dafür angesehn werden.

Hildesheim, den 7. Mit einem alten lustigen Mediziner aus Koblenz habe ich die Reise von Magdeburg bis Braunschweig bei schönstem Wetter gemacht. Langermann hatte mich diesem Manne für Koblenz empfohlen, der mich und ich ihn nicht kannte; so ist er mir nachgereiset und hat in Magdeburg meinen Kutscher ausgegattert, durch den er mich unbekannterweise fragen ließ: ob er wohl mit mir reisen könne. Morgens um 4 Uhr fand ich ihn an meinem Wagen reisefertig; ein Mädchen und ein stiller Kaufmann baten inständig, die zwei Rücksitze zu nehmen, und so fuhr in finsterer Nacht ein quatuor in dem nämlichen Wagen ab, von denen keins die ändern kannte. Es war zum Totlachen, als die helle Sonne drei alte Gesellen und ein Mädchen beleuchtete, die ein Modell zur Häßlichkeit ist. Der Quäker war stante sede eingeschlafen, und was ich noch lieber glaube, so hatte er seine Nachbarin still manipuliert, unterdessen mein Mediziner sogleich ein Ochshoft Anekdoten anzapfte, das gar nicht zu laufen aufhörte. So ist eine Strecke Magdeburger Land von uns umgepflügt worden, ohne daß man’s merkte, denn es hatte 36 Stunden geregnet.

In Braunschweig habe gestern die 81jährige Frau Hofrat Campe besucht, die Dich herzlich grüßt und mir tausend Schönes über Dich sagt. Auch eine Wallfahrt nach dem Magnikirchhof zu Lessings Grabe geschah, das endlich jetzt mit einem Steine belegt ist, worauf sein ehrlicher Name steht. Wie ich erst heut erfahre, so hat man ihm ein ehrliches Grab versagen wollen; die Stelle, wo seine Asche liegt, ist wenigstens ganz ungewiß.

Nun bin ich heute früh wieder mit einem fremden Kauf manne hieher nach Hildesheim gereiset und habe sogleich den alten guten Dom wiedergesehn. Der alte wilde Rosenstock, auf dessen Wurzel der Hochaltar dieses Doms soll gebaut sein, hatte noch heut, den 7. Oktober, die schönsten grünen Blätter.
»Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?«

Was geht das uns an? und doch mag’s wohl ehe Rosen als Kirchen gegeben haben.

Da Dich alles verheiraten will und sie mir darüber das Fell abfragen, so habe ich gesagt, daß ich zur Hochzeit reise, und die Leute glauben nichts lieber, als was sie gewiß wissen, daß es nicht wahr ist.

Preußisch Minden, den 11. Oktober. In Hannover habe ich vielleicht etwas Gutes gewirkt. Ein Orgelbauer aus Hildesheim hatte ein Instrument im Börsensaale aufgestellt und dazu eingeladen. Ich gehe zur bestimmten Zeit dahin und finde keine Zuhörer; ich warte und warte, unterdessen besehe ich das Instrument, fühle, frage, und der gute Künstler tut ein Lädchen nach dem ändern auf, und zuletzt liegt sein kunstergebenes Herz voll Vertrauen vor mir. Die Walzen gehen herum, und ich allein das ganze Publikum. Ich schmeiße die Gewichte ab, entdecke eine verborgene Klaviatur, fange an zu fingerieren, und Friederici war der Zuhörer, und kein zweiter kommt, nicht Einer. Ich gab viermal soviel, als der Zettel fordert, der Mann nahm’s, als wenn er’s brauchte, und nennt mich den Orgelbauer X, Y, Z. Nun erzähle ich mittags und abends (Rehberg und Frau „waren auch dabei) die Geschichte und daß ich allein das vornehme hannoversche Publikum repräsentiert — haben würde, wenn ich so viel Geld hätte; daß der Friederici ein ganz besonderer Mechanikus ist, von dem jeder lernen kann, etc. Gestern bin ich abgereiset, und nun, denke ich, soll der gute Mann einen bessern Tag erleben. Das Instrument ist mehr als schön, es ist herrlich gebaut. Der gute Narr verlangt lumpige 60 000 rh., sechzigtausend Taler, dafür; so ist er freilich ein Kapitalist ohne Zinsen, wenn ich von den Zinsen allein alle Jahr eine tüchtige Kirchenorgel lieferte.

Bei Tische wird erzählt: Ein Bedienter präsentiert einer Dame Wein mit dem Worte: »Liebfrauenmilch«; die Dame wendet sich: »Man sagt: Gnädige Frau«

Dann habe in Hannover eine alte Liebste sitzen, die in meinem curriculo Hanny heißt, die an einem gerühmten Arzt, Hofrat Stiegelitz, verheuratet ist und zwei tüchtige Söhne hat, von denen der jüngste Kapitän ist und mir ähnlich sehen soll. Ich war 23 Jahre alt und sie 15; die Geschichte ist also über 40 Jahre her. Das Weib hat sich umgebracht, als sie mich in ihre Stube treten sieht. Mund, Augen, Stirn und Brust sind noch gut, doch die Figur krumm wie ein Fiedelbogen. Anderthalb Tage lang haben wir in jugendlicher Saus und Braus gelebt, und dann bin ich still davongelaufen. Der Mann ist brav, gesund, ein guter Kopf und tüchtiger Arzt. Wir kamen auseinander über dem »Werth er«, den sie anbetete, und ich konnte das verfluchte Erschießen vor dem Teufel nicht leiden. Sie malte in 01. Nun hat sie ihre Köchin weggejagt und mir selber die Gerichte bereitet, welche sie sich noch erinnerte, daß ich sie gern esse. Das ist das Antike, so kennt sie mich, und so hat sie mich wiedererkannt. Wird fortgesetzt.

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