2016-10-27

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (422)



422. An Goethe ohne Datum

Außer der einzigen großen »Himmelfahrt Mariä« von Rubens hat mich am meisten Dein Rild, vom Professor Kolbe gemalt, angezogen. Es ist kräftig und sicher aufgefaßt und stand eben, was mir sehr gefiel, auf einer Staffelei in bestem Lichte. Kolbe selbst war nicht in der Stadt. Vielleicht hätte ich gegen das Kolorit etwas einzuwenden, man ist aber kein Maler. Ich bin immer, wenn ich ein anderes Rild gesehn hatte, zum Deinigen zurückgekehrt. Wer mir Dein Profil mit Kreide auf den Tisch schreibt, ist mein Mann. Ich kann nicht sagen: ich will nichts anderes sehen! bewahre Gott! ich sehe nichts anderes, nichts, was ich besser lese und verstehe, denn Du verstehst mich. Deine Liebe, Deine Geduld ist mehr als ich, doch was Du liebst und trägst, muß Etwas sein, und nun haben sie in Elberfeld Etwas — das war zu beweisen. 

Wir haben zwei Abende über Kunst räsoniert, es kam nichts Ordentliches heraus; doch waren wir im Grunde Einer Meinung und sind zufrieden auseinander gegangen.

Cornelius hat sich eine Römerin zur Frau genommen; eine schönere Italienerin habe ich nicht gesehn: ein göttlicher Oberleib! Sie spricht wenig Deutsch, ist aber eine perfekte Köchin. Aufs Räsonieren versteht er sich wenig, ich habe ihn darum gelobt. Griffel genommen ist besser, und ohne zu philosophieren wissen wir recht gut, ob’s so recht ist. Es war die Rede von der Tat — ob nicht der Gedanke, die Idee vorher sein müsse? Als wenn nicht alles ewig beisammen Eins wäre und der Same läge in der Frucht wie die Frucht im Samen! So ging’s von Einem ins Andre, da man sich denn, was nicht fehlen kann, verhädderte und bis in die Dünen verlief.

Hier in Elberfeld findest Du das Geschäft bei der Hand. Das geht wie ein Weberschiff hin und her, den ganzen Tag. Abends sind sie lustig. Sie haben hier eine Liedertafel und hatten sich Lieder von Berlin kommen lassen. Sie war den Sommer über eingeschlafen, und wir haben sie aufgerüttelt. Gestern abend wurden sie zusammengerufen, ihrer zwanzig, die schönsten Stimmen; da sangen sie das Leipziger Zeug, das an sich traurig ist — als wenn sie zum Abendmahl gehn wollten. Der Direktor hadderte hin und her, und alle schlugen den Takt, einer so, der andere anders. Ich ließ sie gewähren und kniff mich zusammen, sah aber mörderlich freundlich drein. Sie merkten wohl, daß etwas hinterm Berge sei, und baten um Rat. »Laßt das verfluchte Taktschlagen bei der Flasche bleiben!« rief ich, »und es geht allein! Singt das Vorige noch einmal, und nicht so niederträchtig gottesfürchtig! Frisch! fangt an! Zusammen! keiner hinter dem ändern!« und nun ging’s, und die Kerls waren, als ob sie neu geboren wären und sangen und soffen und kriegten mich bei den Ohren, und eine Konstitution ward beschworen. Eine neue Sorte Rheinwein endigte den Spaß, von dem ich heut noch konfus bin.

Cöln.

Alle Hochachtung vor der ewigen Herrlichkeit! Aber nur soviel Erde, Luft und Wasser als von Düsseldorf bis Cöln, und ich gebe mich auch drein. Daß der Herbst auch ein Mann ist, mit dem sich auskommen läßt, habe gestern erfahren. Nach einem 24stündigen Regen, der mich kaum vom Flecke ließ, klärte sich gestern früh der Himmel freundlichst auf, wir fuhren nach Barmen und sahen eine Spitzenfabrik, eine kleine Stadt in der Stadt; denn Barmen ist zwei Stunden lang und das Wippertal (man sagt und schreibt hier: Wupper) kann für eine Gegend gelten. Das Geschäft auf den Straßen und in Häusern ist wie ein Ameisenhaufen, dabei reinlich, ordentlich. Ein artiges Kind »wollte mich erneuen«; Du kennst meine Tugend, mehr sag’ ich nicht; denn bei den kurzen Tagen hat man zu nichts Zeit.

Morgens: Nun bin ich in Cöln. Eben blasen mir die hiesigen Hoboisten die Sinfonie aus »Don Juan« zum Früh stück, denn der General Thielemann ist angekommen und wohnt neben mir.

Lessing hat wohl recht zu sagen: »Man spricht nicht von der Tugend, die man hat!« — Zu der Zeit, da eben von nichts als Theorie der Temperatur gesprochen, geschrieben und gedruckt wird, setzt man große Orchester aus lauter Wind-instrumenten zusammen, die keiner allgemeinen Temperatur fähig sind, indem jedes von Natur seine eigene Temperatur hat. Solch ein Orchester nennt man Harmoniemusik, und es möchte schwer sein, etwas Unharmonisches zu finden. Die Leute sind nicht schuld, jeder bläst seinen Part fertig und sicher, und keiner weiß, woran es liegt, daß es niemals klingen wird; wir wollen’s ihnen aber nicht sagen.

Soeben habe die »Kreuzigung Petri« gesehen. Original und Nachbild: eine erstaunliche Arbeit. Mein großer Christophei hat mir auch wieder die alte Freude gemacht. Jetzt tragen wir leichter am Christentum; wem das nicht dabei einfällt, der mag sich am Roland in Brandenburg ergötzen.

Freitag, 7. November. Gestern mittag war der junge Herr v. Schiller an unserer Tafel, mir gegenüber. Ich wußte nicht, wo ich das herrliche Gesicht sollte gesehn haben. Mein Nachbar half mir aus dem Traume. Es sind 20 Jahre her, und er ist jetzt ein Mann. Der leibhafte Vater. Die gute Figur, der prächtige Kopf und fast die nämliche Bewegung des schönen Mundes. Auch er wollte wissen um Deine Heirat, und ich sagte: So gehe hin und tue desgleichen! — Was mich dabei ärgert, ist: daß niemand mich verheiraten will; so werde ich sitzen bleiben. In Elberfeld hatte ich ein Mädchen neben mir, die wäre mir eben recht. Eben reif; Stirne, Wangen, Zähne, Busen von Marmor, und Augen! — »Nun genug, ihr Musen!« es kommt jemand. Herein! —

Sonnabend. Ein Spaziergang gestern nachmittag im Sonnenscheine über die Rheinbrücke nach Deutz — ich weiß nicht, ob es was Schöneres gibt. Du bist weiter gewesen als ich, male Dir’s selber aus. Der junge Herr v. Schiller, der hier beim Kriminalgericht als Instruktor angestellt ist, begegnete mir. Er ist seit sechs Wochen mit einer 42jährigen Frau v. Mastiaux verheiratet und hat alle die getäuscht, welche sich einbildeten, er werde die schöne Tochter heiraten. Die Witwe soll reich sein, das ist denn wieder gut. Er wohnt bis jetzt noch in Cöln und seine Frau in Bonn, zu der er Sonntags hinübergeht — auch gut!

Wo ich hinkomme, bin ich jetzt zu Hause; denn überall finde ich Singgesellschaften und Liedertafeln, die mich hätscheln. Der hiesige erste Kommandant und Generalmajor Freiherr v. Ende hat eine Singgesellschaft und Liedertafel gestiftet, die sich hören lassen. Ein Mann meines Alters, ernst, versucht und gegen mich höchst verbindlich. Er selbst sang gestern

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