2016-10-02

Gedichte von A. Blumauer: Das Mädchen und der Vogel (18)



Das Mädchen und der Vogel

Ein Vogel kam geflogen
Jüngst in mein Kämmerchen
Auf Flügeln, wie der Bogen
Der Iris, bunt und schön.

Er flog um mich im Kreise,
Und sang ohn' Unterlaß
So rührend, sanft und leise,
Als bät' er mich um was.

Er machte da sich immer
Um mich etwas zu thun,
Und ließ mich Arme nimmer,
Wenn ich allein war, ruh'n.

Bald tippt' er mir die Wangen,
Bald sang er mir in's Ohr,
Bald hatt' er mit den Spangen
Am Mieder etwas vor.

Mir war sein Spiel behäglich,
Und unterhielt mich sehr;
Der Vogel wurde täglich
Mir unentbehrlicher;

Und daß ich sicher wäre,
Ihn stets um mich zu seh'n,
Stutzt' ich mit einer Scheere
Ihm beide Flügelchen.

Nun war er nur noch zahmer,
Und glücklicher sein Loos:
So oft ich rief, so kam er,
Und schlief in meinem Schooß.

Er spielte manche Stunde
Um meines Mieders Rand;
Er trank mir aus dem Munde,
Und aß mir aus der Hand.

Doch während ich ihn pflegte,
Wuchs ihm sein Flügelpaar:
Und ach! zu spät entdeckte
Ich, daß er flicke war.

Er flog vor meinem Blicke
Davon, und sang im Flieh'n;
Ich kehre nicht zurücke,
So wahr ich Amor bin!

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