2016-10-03

Gedichte von A. Blumauer: Die Donaufahrt (30)



Die Donaufahrt

Sag' an, mein Lied! wo fern und nah'
Ich Gottes hohe Wunder sah,
Wo ich die Erde, schön geschmückt,
In ihrem Feyerkleid' erblickt:
Du Donau, du zeigtest die Holde mir,
Deß' preiset mein Sang dich, und danket dir!

Das Osterland auf deinem Lauf
That all' mir meinen Brautschatz auf,
Und rief mir zu: schau' auf, und sieh
Des hohen Schöpfers Gallerie!
Und Bilder auf Bilder in bunter Reih'
Entstanden, und eilten vor mir vorbei.

Bald vor mir hin ein reiches Feld,
Mit Gottes Segen wohlbestellt,
Und weiter hin auf Hügeln groß
Hoch aufgethürmt ein mächtig Schloß:
Und d'rüber hin, höher im fernen Blau,
Der Berge sich thürmender Wolkenbau.

Bald engumgränzt ein ländlich Bild,
In tausendfaches Grün gehüllt:
Hier Gras, da Quell die Wies' entlang,
Der frohen Heerde Speis' und Trank;
Und Mahder singende Schnitter viel,
Daneben der Dorfjugend Schaukelspiel.

Bald sinkt in Eb'nen Berg und Baum,
Das Auge sucht und schaut sie kaum:
Sieh Wälder nun, wie Stauden groß,
Sich bergen in der Erde Schoos:
Die höchsten Gebirge schließt winzigklein
Der wölbende Bogen des Himmels ein.

In weiten Betten groß und hehr,
Tritt hier der schöne Strom einher:
Sieh, wie er Haide, Wies' und Feld
In hundert mächt'gen Armen hält.
Wie freu'n, ihn am Busen, die Inseln sich,
Wie tränkt er und pflegt er sie mütterlich!

Und weiter hin ein endlos Thal
Erwartet seine Wasser all':
Sieh, wie der Strom die Arme schließt,
Und seines Abgrunds Hälfte mißt;
Doch mächtiger leiten und gängeln ihn
Die Dämme der Berge bald her, bald hin.

Ringsum im Kreise thürmen sich
Hier Berg' auf Berge schauerlich,
Sieh hier von hoher Felsenwand
Die Tages Hälfte weggebannt,
Umhangen die Berge in stiller Pracht
Mit fürchterlich finsterer Tannennacht.

Sieh Pyramiden, grün umschirmt,
Von Gottes Finger aufgethürmt,
Die Spitzen reichen wolkenan,
So weit das Auge reichen kann;
Und hoch auf den Spitzen, den Augen graut,
Stehen Schlösser, von Menschenhand aufgebaut.

Wer baute, Lied! so hoch und kühn
Auf Bergespitzen Schlösser hin?
Wer heftet' an der Felsen Wand
Dies feste Schloß mit kühner Hand?
Wer trotzte den Wellen des Stroms so kühn,
Und baute sich Vesten auf Klippen hin?

Das that der Deutschen hoher Muth,
Der Heldenzucht aus Hermanns Blut,
Die gruben hier in Fels und Stein
Der Deutschen Allkraft Wunder ein:
Die bauten, die bauten, zu Schutz und Wehr,
Sich unüberwindliche Vesten her.

Wo sind, wo sind die Männer all',
Ach, längst entfloh'n aus Berg und Thal;
Sie bauen nun auf glattem Tisch
Sich Häuser auf von Kartenwisch:
O Enkel, o Enkel, kommt her und schaut,
So haben einst Väter vor euch gebaut!

In diesen Vesten, wohlverwahrt,
Erwuchsen deutsche Fräulein zart,
In enger, stiller Häuslichkeit,
Von Stutzerschwänken nie entweiht;
Doch reiste manch' ad'licher Ritter durch,
Stand gastfrei ihm offen die feste Burg.

Da ging bei frohem, deutschen Mahl
Herum der mächtige Pokal,
Gefüllt mit vaterländ'schem Wein,
Und jeder Ritter trank ihn rein,
Und trank sich Gesundheit mit frohem Muth;
Aus deutschem Getränke ward deutsches Blut.

       Und allgenüglich lebten so
Die alten Väter frei und froh;
Die deutsche Küch' entvölkerte
Nicht fremdes Land, noch fremde See;
Sie assen und tranken nur, was ihr Land
Auf ihren genüglichen Tisch gesandt.

Verödet und in Schutt gekehrt,
Steht nun der deutsche Vaterheerd;
Der Gaumenkitzel zog gar bald
Die Enkel fort aus Berg und Wald;
Mit hundert Gerichten befriedigen kaum
Die gallischen Köche nun ihren Gaum.

Doch fort, mein Lied, in deinem Lauf!
Ein neues Schauspiel thut sich auf:
Sieh, wie des Ostlands höchste Pracht
Auf rebenreichen Hügeln lacht!
O weile, Strom, weile, laß auf den Hoh'n
Mich Oesterreichs goldene Trauben seh'n.

Der beste Saft, den in den Schoos
Dir, Mutterland, der Schöpfer goß,
Versammelt sich, und schwellet hier
Den mütterlichen Busen dir,
Und kochet und gähret, bis Feuergeist
Dir aus den gesegneten Brüsten fleußt.

Und deinen Kindern strömest du
Dies Geist- und Herzenslabsal zu;
Sie alle legen kindiglich
An deines Busens Fülle sich,
Und saugen, und saugen mit deinem Wein
Gesundheit und Leben und Feuer ein.

Dann siehst du, wie sie deine Kraft
Frisch auf zu hohen Thaten rafft;
Wie Stahl schnellt aus des Helden Hand
Zu Schutz für Ehr' und Vaterland,
Und zu den Gestirnen erhebt und reißt
In Sängen sich lodernder Dichtergeist.

Und wo dein reiner Nektar fließt,
Da schwindet Arg und Hehl und List,
Durchsichtig, wie dein Goldsaft, blinkt
Die Seele dem, der von dir trinkt:
O Heuchelmann, Heuchelmann trinke nicht,
Er wischt dir die Schminke vom Angesicht.

Dein Saft knüpft Menschen an ein Band
Und wärmt zum Handschlag Freundeshand;
Du giessest Allkraft dem Gebein,
Und Brudertreu dem Herzen ein.
Die Liebe, die Liebe, wie Feuer strömt
Im Blute, das warm dir vom Herzen kömmt.

Und wer in Liebesnöthen zagt,
Wird schnell zu Thaten aufgejagt;
Er eilt und ringt, und kämpft und ficht,
Und achtet Feu'r und Drachen nicht,
Kein Wunder der Liebe war je so groß,
Das nicht aus dem Urborn der Traube floß.

Heil uns, Heil uns, du Mutterland,
Daß du zu Kindern uns ernannt!
Dein Antlitz schmücket hohe Zier,
Und Segensfülle wohnt in dir:
Deß' freuen wir Kinder uns dankbarlich,
Und lieben, und ehren und preisen dich!
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