01.10.2016

Gedichte von A. Blumauer: An die Schwestern (10)



An die Schwestern

Schwestern, laßt euch's nicht verdriessen,
Daß uns keine essen sieht;
Danken würdet ihr uns müssen,
Wüßtet ihr, warum's geschieht.

Solltet ihr das Wunderbare
Uns'rer Tafellogen seh'n,
O so glaubet mir, die Haare
Würden euch zu Berge steh'n.

Drachenzungen, Kröteneier,
Faul und stinkend, wie die Pest,
Alles, was bei'm Höllenfeuer
Satan selber kochen läßt;

Seine feu'rigen Pokale,
Und der Schwefel, der d'rin brennt,
Wären gegen uns're Mahle
Noch ein fürstlich Traktament.

Hört, wir sitzen in der Runde,
Essen mit dem Maul – o weh!
Was wir käuen, wird zur Stunde
Uns im Mund zum – Fricassee.

Wir zerschneiden, was wir finden,
Schonen keines Tafelstück's:
Ach, und aus der Schüssel schwinden
Uns die Speisen Augenblick's.

Selbst die Teller, glaubt's ihr Schönen,
Ritzen wir nicht selten wund;
Das Gefror'ne wird zu Thränen,
Und zergeht uns in dem Mund.

Doch das Schrecklichste aus allen
Würde unser Trank euch sein;
Denn bei ächten Maurermahlen
Trinkt man nichts – als Vier und Wein.

Was uns eingeweihte Zecher
Selbst oft Wunder nimmt, ist das:
Uns're Flaschen haben Löcher,
Doch der Wein rinnt – nur in's Glas.

Was ihr ohne Schrecken sehen
Könntet, wäre dies allein,
Daß wir euer'm Wohlergehen
Immer auch ein Gläschen weih'n.
alle Gedichte von Blumauer                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de