2016-10-25

Goethes Briefe an Ch.v.Stein: 07.09.1780 (423)



(423) 07.09.1780

d. 7. Sept. Die Sonne ist aufgegangen das Wetter ist hell und klar. Diese Nacht war ein Wenig Wind und ich werde heut zu meinem Weeg schöne Zeit haben. Es geht auf Goldlauter und auf den Schneekopf. Eh ich aufbreche einen Guten Morgen.

Ilmenau d. 7. Abends. Meine Wandrung ist glücklich vollendet und ich sizze und ruhe, indess Sie im Geschwirre der Menschen umgedreht werden, und Illuminationen zubereitet sind. Wir sind auf die hohen Gipfel gestiegen und in die Tiefen der Erde eingekrochen, und mögten gar zu gern der grosen formenden Hand nächste Spuren entdecken. Es kommt gewiss noch ein Mensch der darüber klaar sieht. Wir wollen ihm vorarbeiten. Wir haben recht schöne grose Sachen entdeckt, die der Seele einen Schwung geben und sie in der Wahrheit ausweiten. Könnten wir nur auch bald den armen Maulwurfen von hier Beschäfftigung und Brod geben. Auf dem Schneekopf ist die Aussicht sehr schön. Gute Nacht. Ich bin müde. Dencken und schwäzzen ginge noch an, das schreiben will nicht mehr fort. Es sind hübsche Vorfälle - gute Nacht ich kan doch nichts einzelnes erzählen.

d. 8. Sept. Nach zehenstündigem Schlaf, bin ich fröhlich erwacht. O dass doch mein Beruf wäre immer in Bewegung und freyer Luft zu seyn, ich wollte gerne iede Beschweerlichkeit mit nehmen die diese Lebensart auch ausdauern muss. Nachher hab ich verschiednes durchgeredt und untersucht. Die Menschen sind vom Fluch gedrückt der auf die Schlange fallen sollte sie kriechen auf dem Bauche und fressen Staub. Dann las ich zur Abwaschung und Reinigung einiges griechische davon geb ich Ihnen in einer unmelodischern, und unausdrückendern Sprache wenigstens durch meinen Mund und Feder, auch Ihr Theil.

Und wenn du's vollbracht hast,
Wirst du erkennen der Götter und Menschen unänderlichWesen
Drinne sich alles bewegt und davon alles umgränzt ist,
Stille schaun die Natur sich gleich in allem und allem Nichts unmögliches hoffen, und doch dem Leben genug seyn.

Wenn Sie sich dies nun wieder übersezzen so haben Sie etwas zu thun, und können gute Gedancken dabey haben.

Der Herzog hat uns bis gegen drey in Erwartung gehalten. Staff hat viel aufgetragen, und wir waren lustig. Über des Herzogs Diät Zettel, das was er darnach nicht essen darf, und wovon er sich dispensirt, und worauf er wieder hält, hab ich sonderliche Betrachtungen gemacht. Es sind bey seinem vielen Verstand so vorsäzliche Dunckelheiten und Verworrenheiten hier und da. Auch ists kurios dass ihn wenn er von zu Hause weg und z.E. hier ist, wie gewisse Geister des Irrthums anwehen, die mir sonst soviel zu schaffen gemacht haben, weil ich selbst noch nicht vom Moly gegessen hatte, davon ich nun anhaltende Curen gebrauche. O Weiser Mambres wann werden deine Spekulationen aufhören.

Ihr Brief und Zettelgen kam mir recht willkommen.Verlieren Sie den Glauben nicht dass ich Sie liebe sonst muss ich einen grosen Bankrut machen. Wie lieb ist mirs dass ich den Ball und die Illumination nicht mit gelitten habe. zwar wenn Sie artig waren hätt es doch gehalten.

Herders haben, merck ich die Minute abgepasst dass ich weg wäre, um einen Fus in Ihr Haus zu sezzen, ich bitte die Götter auch dass ich darüber recht klar werden möge, und einsehen möge was bey der Sache an mir liegt, bis dahin ist mirs eckelhafft.

Jezt leb ich mit Leib und Seel in Stein und Bergen, und bin sehr vergnügt über die weiten Aussichten die sich mir aufthun, diese zwey lezten Tage haben wir ein gros Fleck erobert, und können auf vieles schliessen. Die Welt kriegt mir nun ein neu ungeheuer Ansehn.

Morgen früh gehts von hier weiter. Ich hätte fast Lust damit Sie noch was menschliches hörten, Ihnen das leere Blat mit Übersezzungen aus dem Griechischen auszufüllen. Doch bin ich Lingen auch ein Wort schuldig, und vor Schlafengehn bring ich wohl noch etwas zusammen.



alle Briefe an Charlotte                                                                                                weiter


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de