26.10.2016

Goethes Briefe an Ch.v.Stein: 12.08.1780 (426)



(426) 12.08.1780

Zilbach d. 12. Nachts. Das vorige Blat ist gefaltet und gesiegelt um Morgen fort zu gehen, nun noch Gute Nacht auf dieses.

Kalten Nordheim d. 13ten Abends. Der Herzog liest, Stein raucht mit Arnswalden eine Pfeife, und wenn ich nichts zu thun oder zu beobachten habe, mag ich nur mit Ihnen reden. Von der Zillbach sind wir gegen Mittag hier angekommen, und ich finde hier kein Intresse als was mir Bäty von Wiesewässerungen vorerzählt die sie in der Gegend eingerichtet haben. Morgen wollen wir alles besichtigen und ich werde auch mein geliebtes Dorf Melpers zu sehen kriegen. Auf der Reise hab ich Ihnen recht offt gedanckt dass Sie mich haben saure Gurcken essen gelehrt, wie man der Ceres den Gebrauch der Früchte verdanckte, bey heisen Ritten war mirs offt erquickend. Was werden Sie im schönen Mondscheinanfangen? und wann werden mich Ihre Briefe erreihen!- Der Recktor hat dem Herzog eine böse Serenade gebracht aus der ich mir nichts gemerckt habe als: Meine Freundinn ist mein.

d. 14ten Nachts. Endlich nachdem ich 15 Stunden gelebt habe finde ich einen ruhigen Augenblick Ihnen zu schreiben. Wenn ich doch einem guten Geist das alles in die Feder dicktiren könnte was ich Ihnen den ganzen Tag sage und erzähle. Abends bin ich abgetragen und es fällt mir nicht alles wieder ein. In Melpers hab ich viel Vergnügen gehabt, Bäty hat seine Sachen trefflich gemacht. Unter andern Betrachtungen sind folgende.

Man soll thun was man kan einzelne Menschen vom Untergang zu retten.

Dann ist aber noch wenig gethan vom Elend zum Wohlstand sind unzählige Grade.

Das Gute was man in der Welt thun kan ist ein Minimum pp.

Und dergleichen Tausend. Die Sache selbst erzählich Ihnen mündlich.

Hernach haben wir heis gehabt und ein sehr pfiffiges Kind dieser Welt bey uns zu Tische. Dann hat mir ein böser Prozess einige Stunden Nachdenckens und Schreibens gemacht.

In meinem Kopf ists wie in einer Mühle mit viel Gängen wo zugleich geschroten, gemahlen, gewalckt und Oel gestossen wird.

O thou sweet Poetry ruf ich manchmal und preise den Marck Antonin glücklich, wie er auch selbst den Göttern dafür danckt, dass er sich in die Dichtkunst und Beredsamkeit nicht eingelassen. Ich entziehe diesen Springwercken und Caskaden soviel möglich die Wasser und schlage sie auf Mühlen und in die Wässerungen aber eh ichs mich versehe zieht ein böser Genius den Japsen und alles springt und sprudelt. Und wenn ich dencke ich sizze auf meinem Klepper und reite meine pflichtmäßige Station ab, auf einmal kriegt die Mähre unter mir eine herrliche Gestalt, unbezwingliche Lust und Flügel und geht mit mir davon.

Und so bin ich Reisemarschall und Reisegeheimderath und schicke mich zum einen wie zum andern. Nehmen Sie dieses ewige peri heautou gutmutig auf, es ist noch nicht alle, denn wenn ich den ganzen Tag, Welthändel getrieben habe die ich nicht erzählen kan, muss ich Ihnen die Resultate auf mich sagen, und in Gleichnissen lauff ich mit Sanchos Sprüchwörtern um die Wette.

Heute in dem Wesen und Treiben, verglich ich mich einem Vogel der sich aus einem guten Entzweck in's Wasser gestürzt hat, und dem, da er am Ersauffen ist, die Götter seine Flügel in Flosfedern nach und nach verwandeln. Die Fische die sich um ihn bemühen begreifen nicht, warum es ihm in ihrem Elemente nicht sogleich wohl wird.

So einen Menschen wie Baty zu haben, ist ein Glück über alles, wenn ich ihn entbehren sollte, und müsste meinen Garten geben ihn zu erhalten ich thäts. Neuerdings hab ich mirs zur Richtschnur gemacht: in Sachen die ich nicht verstehe, und es thut einer etwas das ich nicht begreife, so macht ers dumm, und greiffts ungeschickt an. Denn das was schicklich und recht ist begreifft man auch in unbekannten Dingen, wenigstens muss es einer einem leicht und bald erklären können. Die meisten Menschen aber haben dunckle Begriffe, und wissen zur Noth was sie thun.

Der Husar wartet. Es ist schon spät. Stein spricht viel von Oekonomie und da fast nichts weiter vorkommt ists ihm wohl, übrigens sizzt er und macht Anmerckungen die ich ihm an der Nase ansehe. Der Herzog ist gar brav gegenwärtig und mässig, aber sein Körper will nicht nach, man merckts nicht eher als wenn er sich so ziemlich ordentlich hält, wo man die schlimmen Augenblicke nicht auf Rechnung des Zuviel schieben kan.

Adieu. Wenn ich von Ihnen weg bin, werd ich in allem fleisiger, denn es wird mir nirgends wohl, daher ich mein Vergnügen in der Arbeit suchen muss. Nach der Lehre dass Fleis immer eine Unbehaglichkeit voraussezt. Adieu Gold. Grüsen Sie die kleine Schwägerinn.

Caroline könnte mir wohl für meine Verse auch was artigs sagen. Vielleicht ists unterweegs. Haben Sie der Waldner ihr Theil an der Krebsscheere gegeben.

NB. Von Gesteinen ist sehr viel gesammelt worden und über den Basalt der hiesigen Gegend hat der Dekanus von hier einen kühnen Einfall gehabt. Addio.

G.



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