2016-11-08

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 09.01.1824 (425)



1824

425. An Zelter

Um mich über die Zustände von 1802 aufzuklären, durchsuchte ich meine Briefhefte jener Tage, und da fand ich von Dir gar schöne, gute, freundlich-gründliche Worte, die sich denn immer noch bis auf die letzte Zeit bewähren. Und so mochte denn auch die Prüfung der bedenklichen Wochen, die wir zusammen zugebracht, dem vieljährigen Gewebe noch einige tüchtige Spannen zufügen! Freud’ und Leid haben wir in diesen zwanzig Jahren einzeln und zusammen genugsam erlebt und erfahren, und so war mir denn auch Deine liebe Gegenwart in meinem peinlichen Zustand abermals höchst erquickend; ich fühlte es und weiß es, und es freut mich, daß die ändern es auch anerkennen, die niemals recht begreifen, was ein Mensch dem ändern sein kann und ist.

Daß Du mir die Mittelung des Gedichtes durch innige Teilnahme so treulich wiedergabst, war eigentlich nur eine Wiederholung dessen, was Du durch Deine Komposition mir so lange her verleihest; aber es war doch eigen, daß Du lesen und wieder lesen mochtest, mir durch Dein gefühlvolles sanftes Organ mehrmals vernehmen ließest, was mir in einem Grade lieb ist, den ich mir selbst nicht gestehen mag, und was mir denn doch jetzt noch mehr angehört, da ich fühle, daß Du Dir’s eigen gemacht hast. Ich darf es nicht aus Händen geben, aber lebten wir zusammen, so müßtest Du mir’s so lange vorlesen und Vorsingen, bis Du’s auswendig könntest.

Das nachgesendete Reiseblatt wird, mit dem zu hoffenden, in den Kodex reinlich eingeschrieben und das Ganze sodann übersendet; ich hab’ es teilweis mit Freunden gelesen, die es alle mit besonderm Anteil aufnehmen; Dir und den Deinigen wird es auch mit allen Segnungen zu Haus und Hof kommen.

Hier liegt auch ein Brief von meiner Mutter bei, den Du wünschtest; darin, wie in jeder ihrer Zeilen, spricht sich der Charakter einer Frau aus, die in alttestamentlicher Gottesfurcht ein tüchtiges Leben voll Zuversicht auf den unwandelbaren Volks- und Familiengott zubrachte und, als sie sich ihren Tod selbst ankündigte, ihr Leichenbegängnis so pünktlich anordnete, daß die Weinsorte und die Größe der Brezeln, womit die Begleiter erquickt werden sollten, genau bestimmt war.

Nun aber bring’ ich in Erinnerung den Wunsch: das Nähere zu vernehmen über die Steigerung der Stimmen bei steigendem Barometer; nur gerade hingeschrieben, wie es Dir einkommt, von dem einzelnen Falle vor meinem Geburtstage anzufangen, bis dahin, wo die Feder zu laufen aufhört.

Ottilie west nun in Berlin und wird es von Stunde zu Stunde treiben, bis sie von Zeit zu Zeit pausieren muß; vielleicht gibt ihr das erreichte Ziel, wieder durchs Brandenburger Tor eingefahren zu sein, wenigstens einige Milderung der Hast, ohne die man sie freilich kaum denken kann. Du tust ihr, weiß ich, alles zur Liebe; das Beste kann freilich nicht ohne Aufregung ihres aufgeregten Wesens geschehen.
Ich aber muß mir selbst sagen, daß ich mich auch früher, das heißt: gleich nach meiner diesmaligen Rückkunft, hätte schonen sollen und mich jetzt zu schonen habe; denn die große Erregbarkeit, die sich schon in Böhmen, wie Du weißt, an der Musik manifestierte, ist’s doch eigentlich, die mir Gefahr bringt; ob ich ihr gleich nicht feind sein kann, da ich ihr denn doch eigentlich jenes Gedicht verdanke, an dem Gefühl und Einbildungskraft von Zeit zu Zeit sich so gern wieder anfrischt.

Nächstens die zweite Hälfte des mitgeteilten Heftes, das abgeschlossen und ein neues schon wieder angefangen ist. In Dingen der Naturwissenschaft kam von außen glücklich einiges meinen innern Bestrebungen entgegen, und ich hoffe, zunächst manches Resultat noch auszusprechen, auch verschiedene Kapitel vor diesmal abzuschließen. Aber hiezu ist auch nötig, sich von der närrisch bewegten wissenschaftlichen Welt auszuschließen. Die Masse der unzulänglichen Menschen, die einwirken und ihre Nichtigkeit aneinander auferbauen, ist gar zu groß; selbst mit bedeutenden ist’s mitunter nicht ganz just, doch kann und muß man sich über alles trösten, da es am Ende doch auch ganz vortreffliche Menschen gibt, auf die man für jetzt und künftig seine Hoffnungen niederlegen mag.

Kennst Du nachstehnde Reimzeilen? Sie sind mir ans Herz gewachsen, Du solltest sie wohl durch schmeichelnde Töne wieder ablösen.

Ja, du bist wohl der Iris zu vergleichen!
Ein liebenswürdig Wunderzeichen:
So schmiegsam-herrlich, bunt in Harmonie 

Und immer gleich und immer neu wie sie.
Allen guten Geistern empfohlen!

Weimar, den 9. (Januar) 1824. G.

(Beilage)

den 1ten October 1802

Lieber Sohn!

Meinen Besten Danck vor die Bereitwilligkeit Herrn Schöff Wallacher seinem Steckenpferd hülfreiche Hand zu leisten. Mir thuts immer wohl wenn du einem Franckfurter gefälligkeiten erweißen kanst, denn du bist und lebst noch mitten unter uns — bist Bürger — trägst alles mit — stehts in Farrentraps Calender unter den Advocaten Summa Sumarum gehörst noch zu uns und deine Conpatriotten rechnen es sich zur Ehre, so einen großen berühmten Mann unter ihre Mitbürger zählen zu können. Eduart Schlosser hat mir deinen Lieben Gruß ausgerichtet — ich hoffe Er wird Brav — auch Fritz Schlosser — nur vor Christian ist mir manchmal bange — dieser junge Mann ist so sehr überspant — glaubt mehr zu wissen als beynahe alle seine Zeitgenoßen — hat wunderbahre Ideen u. s. w. du gilst viel bey Ihm kanst du Ihn abspannen so thue es. Daß Ihr mir wieder Geistes producte schicken wolt darann thut Ihr ein gutes Werck es ist eine große unfruchtbahrkeit bey uns — und Euer Brünnlein das Wasser die Fülle hat wird mir durstigen wohl thun. Wegen deines herkommen aufs künftige Jahr — habe ich Plaane im Kopf wo immer einer lustiger ist als der andre — es wird schon gut werden — Gott! Erhalte uns alle hübsch gesund - und das übrige wird sich schon machen. Lebe wohl! Grüße meine Liebe Tochter und den Lieben Augst von

Eurer alten

treuen Mutter u Großmutter. Goethe.



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