18.11.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 27.03.1824 (431)



431. An Zelter 27.03.1824

Dein wertes Schreiben hat mir mehr als eine wichtige Gabe gebracht, und so vermelde ich denn zuerst, daß das Choralbuch mit der fahrenden Post soeben abgeht; sprich mir von dem Werte desselben in bezug auf die Epoche, aus der es hervorgegangen.

Denn so hast Du mir durch Deine Ableitungen bei Gelegenheit von Händels »Messias« erhellende Lichter aufgestellt. So ist auch Deine Ansicht von dem rhapsodischen Entstehen dieses Werks meiner Ansicht ganz gemäß: denn der Geist vermag aus fragmentarischen Elementen gar wohl einen Rogus aufzuschichten, den er denn zuletzt durch seine Flamme pyramidalisch gen Himmel zuzuspitzen weiß.

Einen Abend schon hab’ ich am »Messias« gehört; zuletzt will ich auch ein Wort darüber verlauten lassen, indessen aber mich an Deinem Leitfaden vorwärtsbewegen. Der Anstoß durch Rochlitz ist mir dankenswert, ob ich ihn gleich hier finde wie sonst auch: ein treues Wollen und ein gleiches Wirken, dem man nur die Kraft wünschte, den Gegenstand sicherer zu fassen und das Erkannte entschiedener durchzusetzen.

Nun will ich aber vorzüglich danken, daß Du dem Ansuchen wegen Thaer ein freundliches Ohr geliehen und schon tätig eingegriffen hast; freilich wünschen sie die Mitteilungen baldmöglichst, da sowohl Gedichte als Noten vor jenem Termin gedruckt werden sollen. Laß aber die Arbeit noch immer bei Dir liegen, ich schicke Dir eine Adresse, wo Du sie in Deiner Nähe und also noch früh genug abgeben kannst. Du schreibst unser beider Namen hinzu, und so feiern wir abwesend doch auch das große Fest freundlich mit. Eine Abschrift sendest Du mir.

Die chronikalischen Notizen von den Abenteuern der Schmeling-Mara haben freilich den wahrhaften Charakter einer empirischen Welt; daher ist’s um alles Gechichtliche ein gar wunderliches unsicheres Wesen, und es geht wirklich ins Komische, wenn man überdenkt, wie man von längst Vergangenem sich mit Gewißheit überzeugen will. Wir besitzen hier eine alte niedliche silberne Schale, die sich, wie eingegrabenes Bild und Inschrift beweist, von Kaiser Friedrich dem Ersten herschreibt. Es ist unbestritten ein Patengeschenk, und doch können sich die Gelehrten nicht vereinigen, wer eigentlich der Getaufte, wer der Taufzeuge sei. Hierüber existieren nun schon fünf Meinungen, die man als Muster des Scharfsinns und des Unsinns schätzen und halten kann; eine einzige ist gradsinnig und plausibel.

Nun will ich aber, für diesmal schließend, versichern, daß ich mich leidlich befinde und meine Tätigkeit auch von außen gefördert wird, so daß ich ohngefähr das Versäumte nachholen und auf weitere Schritte denken kann. Möge auch Dir alles wohl geraten, denn je mehr ich Ottilien erzählen höre, je mehr glaube ich einzusehn, daß in Berlin ein wunderliches Leben, Tun und Treiben, wenn man zu seinen vernünftigen Zwecken gelangen will, vorwalten muß.

Das Choralbuch, wenn Du’s angesehen, laß nur bei Dir liegen; ich frage nach Ostern schon wieder einmal an. Und somit allen guten Geistern empfohlen.

Treu angehörig 

Weimar, den 27. März 1824. G.

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