2016-11-18

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 05.05.1824 (435)



435. An Goethe 05.05.1824

Mittwoch, 5. Mai 1824. 

Ein Fräulein v. Flotow kommt soeben, mir zum Frühstücke gute Nachricht von Dir zu bringen, und bestätigt bei lebendigem Leibe Deinen erfreuenden Brief vom 28. April, indem sie an ebendiesem Tage Zinsen von Deinem Kapital oder Kapitäl erhoben haben will. Sie konnte kaum reden vor Entzücken, und doch müßte ich viel Zeit haben, um niederzuschreiben, wovon ihr Mund überfloß.

Den Eindruck der Gegenwart unseres Reisenden auf Dein Haus kann ich mir schon vorstellen; magst Du doch daraus abnehmen, wie es hier mit ihm steht.

Er hat sich allerhöchsten Orts Urlaub auf Ein Jahr, außer Landes, zu Herstellung seiner Gesundheit erbeten und ihn erhalten, das heißt: unter den gesetzlichen Bedingungen, mit Verlust des halben Gehalts. Solch eine Überraschung mag ihm so unerwarteter gewesen sein, da er sich bei Oben für angesehn hält. Das Ministerium hat aber die Sache zu redressieren gewußt, und nun bezieht er seine vollen 3000 rh. Er selbst hält die Sache für ein Geheimnis, indessen ganz Berlin es eher wußte als er. Da er hier so viele Freunde hat wie bei euch, so hättest Du die mitleidigen Gesichter sehn sollen, die ihm das Leben nicht gönnen. Uns ändern, die sein Verdienst wie seine Unleidlichkeit stets anerkannten, hat sein Schreck einigen Spaß gemacht, da er in der Tat nicht weiß, wer es gut mit ihm meint.

Gestern abends ward bei Mendelssohns Dein »Tasso« gelesen. Wolff, dessen Frau und die Hausgenossen wußten sich zu schicken, und etwa dreißig Freunde fanden großes Vergnügen.

Es ist angenehm, auch das Auditorium zu kennen, zumal wenn es aus Gleichgesinnten besteht; man gewinnt zweimal. Was ich wieder als neu bewundert habe, ist: wie Du das Gedicht so befriedigend hast schließen mögen. Die Charaktere sind so fertig, daß man ihnen ins Unendliche hin folgt, ohne ungewiß zu sein. So steht das Stück ein echtes Original am Firmamente des Kunsthimmels klar da. Wolf wird sagen: »Das versteht ihr nicht!« und besinne ich mich recht, so geht es mir wie ihm. Wenn ich lese oder vernehme, was ich lieben muß, so ist mir immer, als ob ich’s nur allein verstünde, und so mag’s jedem sein, der kein kreatorisches Element in sich findet und zum ersten Male von Gleichartigem angezogen wird.

Es freut mich, daß Du den »Messias« in meiner Art sentierst. Der Künstler hat sich sehr hoch gestellt. Das Pfäffi-sche am Gegenstände ist nicht einmal umgangen; er ist gerade darüber hinweggegangen, und das Ideal einer Erlösung wird klar.

Vielleicht ist Dir’s genehm, das anfolgende Büchlein anzusehn, das eine Übersetzung ist von einem Zeit-, Kunst -und Ortsgenossen und, etwas Philisterei abgerechnet, immer nicht so klittrig und splittrig ist wie eine heutige An-sichtlerei, die den Mann zu einer Marktpuppe dreht und jedermann ähnlich sieht. Magst Du mir’s gelegentlich wiedersenden; es ist rar worden, wie die Schriften des Mattheson überhaupt, der einige 80 Bücher geschrieben hat.

Den 18. Mai. Das Fest ist glücklich vonstatten gangen, und der gute Alte hat sich den Ehrentitel »der deutsche Woll-Thaer« verdient. Einer meiner guten Jünger hatte die Singpartie übernommen, doch fürchtete ich ihn an Ort und Stelle der Sache nicht gewachsen und ging in Begleitung von acht Tüchtigen selber mit. Das Völkchen war aus allen 32 Winden zusammengekommen, 250 zu Tische, und mußte an Ort und Stelle disponiert werden, kurz die Sache ging gut genug vonstatten, wiewohl Dichter und Komponisten sich auf reguläre Truppen eingerichtet hatten. Im Textbuche hatte man Dein Gedicht pour la bonne bouche ganz zuletzt abgedruckt. Man hatte es jedoch bald herausgefunden, und es mußte ganz anfangs und zuletzt noch einmal gesungen werden. Was mich daran erfreute, war, daß der Refrain der Strophen von der ganzen Tafel, Bauern und Edelleuten, sogleich intoniert wurde, und darauf hatte ich’s eingerichtet. Bester Wein und Essen in Fülle hatten endlich ihre Schuldigkeit getan. Kein Aufklopfen des Präsidenten wollte mehr fruchten. Gehörig besoffen, dreist und frisch und (mit Wahrheit und Freude bekenn’ ich’s) mit Ordnung unordentlich. Bei Ausgießung des Geistes kann’s nicht artiger und derber gewesen sein. Die Söhne des Jubilarius trugen mir die edelsten Tropfen aus des Vaters Becher zu, und es wollte mir schmecken und gedeihen, denn ich bin bis ans Ende strack geblieben, und das Feuerwerk, wobei mancher sich erkältet hat, konnte mir nichts anhaben.

Himmelfahrt. Spontini hat am Bußtage Händels »Alexanderfest« zu seinem Benefiz aufgeführt: das hätte er können bleiben lassen; doch hat er selber dabei keinen Schaden genommen: was er nicht verdient hat, hat er doch gewonnen.

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