2016-11-08

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 11.03.1824 (429)



429. An Zelter 11.03.1824

Nach kurzer Zeit, mein Guter, tret’ ich wieder vor und zwar diesmal mit Wunsch und Ansinnen; vernimm also, wovon die Rede ist.

Es liegt ein Gesang bei, zu dessen Erklärung folgendes notwendig sein möchte: Der Staatsrat Thaer, von dem Du im allgemeinen und besondern gewiß Kenntnis hast, erreicht am 14. Mai sein 73. Jahr. Zu diesem Tage werden seine weitverbreiteten Schüler bei ihm in Mögelin Zusammenkommen; sie gedenken ihm ein stattliches Fest zu geben. Dazu wünschen sie nun nagelneue Tischlieder und haben sich deshalb nach Weimar als dem eigentlichen Stapelort deutscher Dichtkunst mit zierlichen und ziemlichen Bitten gewendet. Auch sind die Freunde dergleichen zu leisten nicht abgeneigt.

Und so kam denn auch mir beigehendes Lied in den Sinn, zu dessen vorläufigem Verständnis ich folgenden Kommentar schreibe.


Strophe 1

Thaer, ein im Praktischen wie Theoretischen geschätzter Arzt, sieht sich nach einer froheren Unterhaltung in der Natur um, gewinnt die Gärtnerei lieb.


Strophe 2

Allein er sieht sich hier bald beengt und sehnt sich nach einem weitern Wirkungskreis; wendet seine Aufmerksamkeit dem Feldbau zu.


Strophe 3

Er nimmt die englische Landwirtschaft wahr und die ganz einfache Maxime, daß bei größerer Tätigkeit und verstandsgemäßer Umwendung des Bodens weit höherer Vorteil als bei dem bisherigen Schlendrian zu gewinnen sei.


Strophe 4

Und so weiß er denn die Landwirte zur Wechselwirtschaft aufzuregen, erwirbt sich Schüler und Nachfolger, die seine Lehre und Anleitung probat finden und ihm jetzt in hohem Alter einen öffentlichen und lauten Dank vorbereiten.

Möge Dich dieses Lied, von einer großen Zahl Landwirte bei Tafel zu singen, zu einer heitern Komposition aufregen; es ist ein Fest, das nicht wiederkommt, und ich wünschte, daß unsere beiden Namen hier zu gleicher Zeit ausgesprochen würden. Der Mann gehört zuerst Preußen, sodann aber auch der Welt an, sein Ruf und Ruhm sind gründlich, und so darf man denn wohl etwas unternehmen, um sich mit ihm und den Seinigen zu erfreuen.

Mögest Du mir bald eine wohlgelungene Partitur überschicken, die ich alsdann weiter besorgen wollte; vorerst wünschte ich, daß es unter uns bliebe. Hast Du zu wenig Notiz von dem Manne, so darfst Du nur Deine nächste Umgebung fragen, und sie sagen Dir soviel, um Teilnahme zu befördern. Auch kommt vielleicht von diesen hin- und herreisenden Schülern desselben jemand an euere Liedertafel, oder auch später, so könnt ihr einen solchen Gast nicht besser bewirten.

Bei mir geht das Getreibe täglich fort, und ich bin vergnügt, daß ich mich darin aufrecht erhalte. Lebe wohl und liebe!

Wieder auf den Beinen 

Weimar, den 11. März 1824. G.

(Beilage)                

Zum vierzehnten Mai 1824

Wer müht sich wohl im Garten dort 
Und mustert jedes Beet?
Er pflanzt und gießt und spricht kein Wort,
So schön auch alles steht.
Das er gepfropft und okuliert 
Mit sichrer kluger Hand,
Das Bäumchen zart ist anspaliert 
Nach Ordnung und Verstand.

Doch sagt mir, was es heißen soll:
Er ist auf einmal still!
Man sieht, ihm ist der Kopf so voll.
Daß er was andres will.
Genug, ihm ist nicht wohl dahier,
Ich fürcht’, er will davon;
Er schreitet nach der Gartentür,
Und draußen ist er schon.

Im Felde gibt’s genug zu tun,
Wo der Befreite schweift;
Er schaut, studiert und kann nicht ruhn, 
Bis es im Kopfe reift.
Und nun, auf einmal hat er’s los,
Wie man das Beste kann:
Nicht ruhen soll der Erdenkloß
Am wenigsten der Mann.

Der Boden rührt sich ungesäumt Im 
Wechsel jedes Jahr,
Ein Feld so nach dem ändern keimt 
Und reift und fruchtet baar;
So fruchtet’s auch von Geist zu Geist 
Und nutzt von Ort zu Ort.
Gewiß, ihr fragt nicht, wie er heißt — 
Sein Name lebe fort!

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