08.11.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 08.03.1824 (428)



428. An Zelter 08.03.1824

Ottilie ist glücklich zurückgekommen und hält mich durch Erzählung in Berlin fest, wohin sie mich nun seit acht Wochen durch ununterbrochene Tagebücher redlich versetzt hat. Und so begrüß’ ich Dich denn auch auf der Stelle, Deinen Brief vom 8. Februar wieder aufnehmend, den ich jener Zeit wie einen Labetrunk zu mir nahm.

Vor allen Dingen bitt’ ich Dich nun, Herrn Streckfuß zu grüßen; ich bin seinem dichterischen und sonstigen literarischen Gange immer mit Hochschätzung gefolgt, wenn ich ihm schon auf Brief und Sendung früher nicht antwortete. Dies ward mir oft bei meiner Lage und Gesinnung unmöglich: denn da ich nicht mit leeren oder scheinbaren Phrasen ein mir geschenktes Zutrauen erwidern konnte und doch das jedesmalige Vorgelegte im Augenblick zu schätzen nicht fähig war, so blieb ich gegen viel bedeutende Menschen im Rückstand, welches in späterer Zeit immer mehr der Fall ist. Empfiehl mich also schönstens und danke für das Andenken. Das Büchlein Ruth wirkt auf alle poetisch-produktiven Geister klapperschlangenartig; man enthält sich nicht einer Bearbeitung, Paraphrase, Erweiterung dieses freilich sehr liebenswürdigen], aber uns doch sehr ferne liegenden Stoffs. Ich verlange zu sehen, wie sich diesmal der Dichter benommen hat.

Nun vermeld’ ich aber vorerst, daß man bei hiesiger Bibliothek in einer Nürnberger Auktion ein Manuskript gekauft hat, welches den Titel führt: »Tabulatur-Buch Geistlicher Gesänge Dr. Martini Lutheri und anderer gottseliger Männer, samt beigefügten Choralfugen durchs ganze Jahr. Allen Liebhabern des Klaviers komponieret von Johann Pachelbeln, Organisten zu Sankt Sebald in Nürnberg. 1704.« Kann es Dich interessieren, so schick’ ich es wenigstens zum Ansehen. Es ist in Leder gebunden, war verguldet am Schnitt und sieht recht aus wie ein altes Kirchenmöbel, obgleich noch ganz gut erhalten, und faßt 247 Melodien.

Was Du von Felix meldest, ist wünschenswert und rührend, als Text und Kommentar betrachtet; könnt’ ich doch auch von einem meiner Scholaren das Gleiche melden! Leider aber hat Poesie und Bildkunst kein anerkanntes Fundament wie die eure; die absurdeste Empirie erscheint überall, Künstler und Liebhaber sind gleich unstatthaft, der eine macht, der andere urteilt ohne Vernunft; da muß man denn abwarten, bis ein entschiedenes Talent hervorgeht und das Vernünftige außer sich gewahr wird, weil es in seinem Innern verborgen liegt.

Unsere Fastnachtsspäße sind für mein Häusliches schlecht abgelaufen; Ulrike hat im letzten Kotillon, dem unseligen Tanze, den Buben und Mädchen nie satt kriegen, einen harten Fall auf das Hinterhaupt getan, von welcher Erschütterung das Gehirn sich noch nicht wieder hergestellt hat; die Ärzte wollen zum Besten reden, ich aber weiß nicht, was draus werden soll.

Mit diesem Unheil ist denn auch Ottilie empfangen worden und mag es nach aller Berliner Pracht und Luft mit ausbaden helfen.

Von mir kann ich nur Gutes sagen, ob ich mich gleich eigentlich nur bescheiden und sorgsam hinhalte; jeder Tag bringt etwas zu tun und etwas zu sorgen, das ist denn noch das Beste von der Sache. Stein auf Stein, mit gutem Vorbedacht, gibt zuletzt auch ein Gebäude.

Von Berlin hat mir Ottilie manches Erfreuliche mitgebracht, und so bin ich denn auch auf ihre fernere Erzählung neugierig. Sie hat sich in dem strudelnden, sprudelnden und mitunter wieder seicht stagnierenden Weltwesen umhergetrieben; bei ihrer empfänglichen Klarheit hat sie jedoch sehr gut gesehen, heiter genossen und mag uns denn auch im Geiste in jenes Element versetzen.

Auf wunderbare Weise bin ich wieder an Händel herangezogen worden; Rochlitzens Entwicklung des »Messias«, in seinem ersten Bande: »Für Freunde der Tonkunst«, Seite 227, hat mich an die Händel-Mozartische Partitur getrieben, wo ich freilich nur die rhythmischen Motive herauslesen kann; nächstens denk’ ich mich durch Eberweins Vortrag auch den harmonischen zu nähern. Dieses wäre freilich eine Sache für unser Zusammensein gewesen, das, hätte nicht ein Hauptpunkt der Mitteilung glücklich gewirkt, gegen sonst traurig genug abgelaufen wäre.

Auf baldiges Wiedersehen!

Weimar, den 8. März 1824. G.

Noch eins! Hast Du im Königlichen Schlosse im Pfeilersaale, die ausgestellten Gemälde der Herren Schadow und Begasse gesehen? wo nicht, so beschaue sie und melde mir ohne Umstände, wie Du sie findest. Sodann lies auch in der Haude- und Spener’schen Zeitung No. 56 und 57 die Rezension derselben. Sie ist von einem Einsichtigen geschrieben, aber wie dreht und wendet er sich, um seine Überzeugung verhüllt auszusprechen, die wir in wenig Worte zusammenfassen können: Es sind zwei talentvolle und schon hoch ausgebildete Künstler, die aber in der modernen Deutsch-narrheit, der Frömmelei und Altertümelei ihre besten Jahre verlieren, es niemand zu Danke machen und, weil sie entweder zu spät oder gar nicht zur Besinnung kommen, wahrscheinlich zugrunde gehen.

Hüben wie drüben

Dein Getreuer.

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