18.11.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 28.04.1824 (434)



434. An Zelter 28.04.1824

Heute früh ist Geheimer Rat Wolf abgefahren; ich schweige über den Eindruck seiner Gegenwart und begreife nicht, wie weit er kommen will; doch das gibt sich bei einer solchen Unternehmungsweise.

Das Choralbuch ist wieder zurück; ich wünschte, es hätte Dich mehr erbaut. Mir ist diese Sendung freilich zum Vorteil geraten, da Du so gute und löbliche Worte hinzuzufügen wußtest.

Der Rittergutsbesitzer Herr Schultze auf Heinrichsdorf bei Bahn in Pommern als Hauptordner des Festes in Mög[e]-lin und Freienwalde wird wohl bei Dir Gedicht und Komposition abgeholt haben; ich danke zum schönsten, daß Du mir auf dieses Gesuch hast willfahren wollen. Die Melodie und Ausführung ist gar erfreulich; ich möchte wohl hören, wie sich diese landwirtschaftlichen Kehlen darein zu fügen wissen. Sie haben aber, wie ich höre, doch einige Musiker mit in den Kreis gezogen.

Möge der »Tod Jesu« Dir auch diesmal ein frohes Osterfest bereitet haben; die Pfaffen haben aus diesem jammervollsten aller Ereignisse soviel Vorteil zu ziehen gewußt, die Maler haben auch damit gewuchert, warum sollte der Tonkünstler ganz allein leer ausgehen?

Mein »Messias«, zwar nicht im Strickbeutel, aber doch in der Nuß, bringt mir auch Gewinn; der Begriff wenigstens wird lebendig, und da ist für unsereinen schon viel geschehen. Dem Gedanken, daß es eine Sammlung sei, ein Zusammenstellen aus einem reichen Vorrat von Einzelnheiten, bin ich nicht abgeneigt: denn es ist im Grunde ganz einerlei, ob sich die Einheit am Anfang oder am Ende bildet, der Geist ist es immer, der sie hervorbringt, und im christlich-altneutestamentlichen Sinne lag sie ohnehin. Ebendies mag am Ende für den Homer gelten, nur muß man es Wolfen nicht sagen, welcher, wenn man ihm Recht gibt, versichert, man verstehe es nicht.

Und so lebe denn recht wohl! ich sage dieses, damit das Blatt gleich fortkomme, denn das schöne Wetter nimmt uns viele Stunden im Freien weg; da man denn erst mit Entsetzen gewahr wird, was für eine elende Person man im Winter spielt. Möge dies Frühjahr Dir auch zum Besten gedeihen! übrigens habe ich Arbeiten vorgenommen, die mich vielleicht bis Michaeli zu Hause halten.

Treulichst

Weimar, den 28. April 1824.                          G.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de