2016-11-18

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 26.06.1824 (436)



437. An Zelter 26.06.1824

Ich freue mich sehr, daß es Dir mit »Troilus und Cressida« gelungen ist oder vielmehr dem Stück mit Dir. Wie ich ein Todfeind sei von allem Parodieren und Travestieren, hab’ ich nie verhehlt; aber nur deswegen bin ich’s, weil dieses garstige Gezücht das Schöne, Edle, Große herunterzieht, um es zu vernichten; ja selbst den Schein seh ich nicht gern dadurch verjagt.

Die Alten und Shakespeare dagegen setzen an die Stelle dessen, was sie uns zu rauben scheinen, wieder etwas höchst Schätzenswertes, Würdiges und Erfreuliches. Auf diese Weise hat Dich denn auch das fragliche Stück eingenommen, ergötzt und befriedigt und zwar im ganz richtigen Sinne.

Über den »Cyklops« des Euripides liegt ein kleiner Aufsatz unter meinen Papieren, der freilich Erweiterung und nähere Bestimmung forderte; vielleicht werde ich hiezu durch Deine Anregung aufgemuntert. Den Thaerischen Gesang hab’ ich diese Tage recht hübsch gehört, auch mich daran aufs neue erfreut, wie mit jeder Strophe die Pertinenz mit der Empfindung sich erhöht.

Rauch geht nun ab; ich hätte ihn gern noch einige Tage länger besessen, besonders da die Sozietät auf echt berlinische Weise mir einen großen Teil der Zeit verkümmert hat. Doch sind wir über Bild und Gleichnis einig geworden; schaut nun das Begonnene freundlich an und helft weiter.

Nächstens kommt das schon unter den Händen des Buchbinders sich befindende neuere Heft von »Kunst und Altertum«.

Und immer so fort! 

Weimar, den 26. Juni 1824. G.

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