18.11.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 04.04.1824 (432)



432. An Goethe 04.04.1824

Sonntag, 4. April 1824. 

Die liebenswürdige Frau Präsident v. Schwendeier bietet eine willkommene Gelegenheit an zu einer Sendung für Dich, mein alter Herr und Meister; so erhältst Du denn hiermit die Komposition für den 14. Mai, von der auch noch eine Abschrift bereit liegt, um solche an die von Dir zu bestimmende Adresse abzugeben.

Das Pachelbel’sche Choralbuch sende gleichfalls mit vielem Danke wieder zurück. Fast glaubte ich einen rechten Fund getan zu haben, indem ich’s für ein Autographum hielt; es ist aber eine Abschrift und zwar von unsicherer Hand und enthält die Menge von Schreibfehlern, womit auch die gedruckten Choralbücher jener Zeit verunstaltet sind.

Dieser Pachelbel ist ein wertes Haupt seiner Art und von den Besten seinesgleichen mit Ruhm genannt, wie er denn inmitten der würdigsten Choralmänner, von Luther ab bis auf Sebastian Bach, im echten Besitze der Tradition von den Kirchentonarten gewesen ist.

Konrad Rumpf geb. 1500
Ludwig Senfel geb. 1530 gest. 1555
Walter geb. 1538
Heinrich Schütz geb. 1585 gest. 1672.
Schein geb. 1586.
Scheidt geb. 1587.
Rosenmüller gest. 1686
Kaspar Kerl geb. 1625 gest. 1690
Froberger geb. 1635 gest. 1700
Kaspar Prinz geb. 1641 gest. 1717
Theile geb. 1646 gest. 1724
Daniel Vetter - gest. 1730
Alessandro Scarlatti geb. 1650 gest. 1730
Pachelbel geb. 1653 gest. 1706
Telemann geb. l681 gest. 1767
Sebastian Bach geb. 1685 gest. 1750

Dies möge eine ohngefähre unvollkommene Reihe der Namen sein, welche sich die Kunsthistorie nicht nehmen läßt und deren es gleichwohl noch viele gibt. Die obengenannten Heinrich Schütz, Schein und Scheidt werden auch wohl das Trinium der 3 großen S genannt.

In diesem Manuskripte liegt nun schon, besonders von Seite 161 an, vieles durcheinander, und man kann schon den Übergang des derben tiefen Stroms in die wüste Fläche gewahr werden.

Das Lied: »Auf auf!« pagina 161 ist ein veritables und recht artiges Menuettchen;

Seite 184 findet sich ein Gavottchen, und so geht alles fein sanft und angenehm in die beliebte Hallische Liederei über. Das Meiste hierzu hat die Einschwärzung der Tripelbewegung beigetragen, welche der große Raum verschmäht, weil sie keine natürliche Bewegung ist, die sich daher zwischen die engern Wände der Wohnzimmer geflüchtet und den ganzen großen allgemeinen Andachtsberuf mit sich geführt hat. Zur Vergleichung lies einmal nach: »Divan«, 262, unter der Aufschrift: »Ältere Perser«. »Kennst Du es wohl?«

Eines besondern Nutzens an eurem Tablaturbuche will ich noch gedenken. Damit meine ich die kleinen Vorspiele, welche, hier Fugen genannt, vor jedem Choräle stehen. Sie dienen einmal zur Anweisung des Organisten, den Choral seiner Tonart gemäß zu intonieren, damit Vorsänger und Gemeine sicher eintreten mögen; Fugen aber heißen sie insofern, als dux (Thema, Führer) und comes (Gefährte und Nachfolger) sich kunst- und der Modulation gemäß miteinander ablösen sollen. Diese Observanz gehört, wie die Kirchentonarten selbst, der Kirche an, wiewohl es sehr schöne Fugen geben kann und gibt, die ebendeswegen nicht für kirchlich gehalten sind, weil sie außer dieser Observanz sind.

Wenn daher in jenen Zeiten ein Organist oder Kapellmeister zu Kirchendiensten examiniert wurde, so ward ihm ein Thema gegeben (dux), wozu er sich den comes selber finden mußte und zwar ex tempore; ähnliches hatte er bei verschlossnen Türen zu Papiere auszuarbeiten, wonach er denn vorn Collegio beurteilt wurde, und eine solche Fugenarbeit bekam den Namen: ricercata.

So lebe wohl und bete für mich und hilf mir singen:
»Auf Ostereier freun sich hie 
Viel Quasimodogeniti.«
Amen! Dein Z.

Da Du schon ein Stückchen von Händels »Messias« gekostet hast, so will ich nur noch sagen, daß ich bei ähnlicher Gelegenheit vorigen Mittwoch unsere Kronprinzessin zum ersten Male gesehn und gesprochen habe. Der Kronprinz hatte sich in seiner Wohnung auf dem Königlichen Schlosse im Musikzimmer Friedrichs des Großen einen Chor von 8 bis 12 Mitgliedern der Singakademie bestellt und bei bloßer Klavierbegleitung mehrere Prachtstücke des kolossalen Werks im Beisein seines Hofes singen lassen. Ich war, nicht als mithandelnd, vielmehr als zuhörender Gast dazu geladen. So hoch ich diese Ehre zu nehmen habe, so tief hat sie mich betrübt, der ich gewohnt bin, das göttliche Werk seiner Würde gemäß seit 30 Jahren mit 180 frischen Kehlen einzulehren, einzupropfen, um endlich darzutun: was Musik ist, und nun stehe ich wie ein armer Sünder und sehe das lebendige Werk tot vor mir in einem engen Sarge, wo es die Glieder nicht regen kann. Gleich drauf habe ich zwar den tiefen Schmerz in einer Flut von Champagner ersäuft, doch das hält nicht gegen — man möchte rasend werden, wenn man’s nicht wäre. Solch ein Werk wollen sie im Strickbeutel davontragen! Der Messias aber kam nicht nach, und sie machten, daß sie an die Tafel kamen, wo es denn besser vonstatten ging.


vor Ärger!

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