2016-11-08

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 08.02.1824 (427)



427. An Goethe 08.02.1824

Berlin, Sonntag, 8. Februar 1824. 

Durch unsere Ottilie wirst Du ein Taschenbuch erhalten, das ich Dir im Namen des Geheimen Oberregierungsrats Streckfuß zu Füßen legen soll, was er selbst, trotz meiner Ermahnung, nicht wagen will.

Er ist durch Dich selber angeregt, das Buch Ruth in vier metrische Gesänge zu bringen, und mag mancher gute Vers darin enthalten sein, wenn mir auch das Ganze nicht klar genug erscheint.

Er ist Vater vieler Kinder, Gatte einer kränkelnden Frau und durchaus tüchtig, kräftig und eine meiner besten Tenorstimmen. Er hat den Ariost und Tasso übersetzt und ringt jetzt mit Dante, wozu ihn Wolf angeregt hat.

Magst Du in einem Briefe an mich ein gutes Wort niederlegen, so verdient er es auf mancherlei Weise.

Gestern abend ist Felixens vierte Oper vollständig nebst Dialog unter uns aufgeführt worden. Es sind drei Akte, die nebst zwei Balletten etwa 2 V2 Stunden füllen. Das Werk hat seinen hübschen Beifall gefunden. Auch das Gedicht vom Dr. Casper ist geschickt genug, da der Poet musikalisch ist.

Von meiner — schwachen Seite kann ich meiner Bewundrung kaum Herr werden, wie der Knabe, der soeben 15 Jahre geworden ist, mit so großen Schritten fortgeht.

Neues, Schönes, Eignes, Ganzeignes ist überall zu finden. Geist, Fluß, Ruhe, Wohlklang, Ganzheit, Dramatisches. Das Massenhafte wie von erfahrnen Händen. Orchester interessant, nicht erdrückend, ermüdend, nicht bloß begleitend.

Die Musici spielen es gern und ist doch eben nicht leicht. Das Bekannte kommt und geht vorüber, nicht wie genommen, vielmehr an seiner Stelle willkommen und zugehörig. Munterkeit, Jubel ohne Hast, Zärtlichkeit, Zierlichkeit, Liebe, Leidenschaft, Unschuld.

Die Ouvertüre ist ein sonderbares Ding. Du denkst Dir einen Maler, der einen Klacks Farbe auf die Leinwand schmeißt, die Masse mit Finger und Pinsel austreibt, woraus zuletzt eine Gruppe an den Tag kommt, daß man, fort und fort überrascht, sich endlich nach einer Begebenheit umsieht, weil ja geschehen sein muß, was wahr ist.
Freilich spreche ich wie ein Großvater, der seine Enkel verzieht. Ich weiß wohl, was ich sage, und will nichts gesagt haben, als was ich zu beweisen wüßte.

Zuerst durch Beifall in Menge, den man am aufrichtigsten von geschickten Orchesterleuten und Sängern einholt, denen man bald abmerkt, ob Kälte und Widerwille oder Liebe und Gunst Finger und Kehlen bewegt. Du mußt ja so was wissen.

Wie der Mund gefällt, der dem ändern zu Munde redet, so der Komponist, welcher dem Ausführenden vorlegt, was ihm gelingen kann und dieser mitgenießend weiter verteilt. Das allein will schon alles sagen.

Aus Deinem Briefe an Ottilien sehe ich ganz Weimar wie ein aufgedecktes Kartenbuch vor mir, unterscheide Könige, Damen, Buben und kleinere Honneurs bis auf den Kopfabhacker vor dem Erfurter Tore; ja ich werde selbst munter dabei, weil ich die Tage her an leidiger Erkältung krunkse.
Wir haben dagegen Karnaval, und der Scharfrichter wird auch bald wieder Arbeit haben —

tout comme chez vous,
Und die lange Weile dazu.

So lebt denn alle wohl! Grüß’ mir mein schönes Ulrikchen und bitte sie in meinem Namen, daß sie, in der Küche waltend, Dir gute Gerngerichte bereite. Dein

Z.

Den 10. Soeben kommt Deine neue Sendung. Ein wahres Füllhorn, woraus die schönsten Sachen auf meinen Tisch fallen.

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