09.11.2016

M. Dauthenday- Ammenballade-1 (1)



Dauthendey, Max

Die Ammenballade

  Abenteuer der ersten Amme

Herr Heinz lag früh im Lenzen
In einem langen Sarg,
In rädergroßen Kränzen
Sein Schelmgesicht er barg.

Am Hemd floß rot ein Fädchen,
Dieweil er holde Ehr'
Von seinen schönen Mädchen
Verteidigte zu sehr.

Herr Heinzen lag erschossen,
Es war ein arger Schlag;
Die schönsten Tränen flossen
An seinem Todestag.

Es war ein Schlag, ein harter,
Acht seiner liebsten Frauen
Mußten von dieser Marter
An einem Tag ergrauen.

Sie fanden sich zusammen
Und hielten Totenwacht
Und haben Kind und Ammen
Zum Sterbhaus mitgebracht.

Sie saßen hell in Tränen
In dickem Trauerflor,
Voll Schmerz bis zu den Zähnen,
In Schwarz bis an das Ohr.

So saßen, wie acht Geister,
Die Frau'n im fünften Stock,
Und unten beim Hausmeister
Die Ammen Rock bei Rock.

Auch sie hockten beisammen,
Schauernd bis ins Gebein.
Es schenkten die acht Ammen
Sich heißen Kaffee ein.

Sie schürten in dem Ofen,
Das Feuer machte Mut.
Nie fehlt's an Redestoffen
Dem Domestikenblut.

       Kaffee, er läßt die Zungen
Wie Flämmlein weitergehn,
Und Jede wird gezwungen
Brühheiß was zu gestehn.

So auch die warmen Ammen,
Sie hielten nicht mehr an,
Taten ihr Herz auskramen,
Und jede kam daran.

Und Jede ihrer Herrin
Darin den Vorzug gibt:
Kein Weib sei in der Welt drin
Vom Heinzen mehr geliebt.

Herr Heinz, er war ein Sünder,
Dem man mit Himmeln lohnt.
Denn – lobten die acht Münder –
Zu schön er küssen konnt.

»Ja nie«, begann die Eine,
»Niemand den Mann verdamm,
Für den die Frau, die meine,
Fast zum Schafott hinkam.

Die Mutter wollt nicht geben
Den Heinzen ihr als Mann,
Brigitt nahm ihr das Leben,
Wofür sie fast nichts kann.«

Die sieben andern Ammen
Taten ans Herz sich fassen.
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.

»Die Mutter«, sprach die Achte
Und wischte sich den Mund,
»Brigitte sehr bewachte,
Als sie in Blüte stund.«

Sie war mit 16 Jahre
Noch ein gar wildes Kind,
Trug lockenrunde Haare
War wirbelig wie der Wind.

Sie schritt mit runden Waden,
Quecksilbrig war ihr Gang.
In ihrer Mutter Laden
Zu sitzen sie sich zwang.

Gemälde und Antiken
Bot sie dort alt zum Kauf,
Doch jung den Käuferblicken
Fiel die Brigitte auf.

Die Mutter, sehr begierig,
Erwartet's Angebot.
Brigitte fand das schmierig
Und wurde öfters rot.

Heinz hatte keinen Taler
Und wollt um's Mädchen frein.
Herr Heinz war auch kein Maler,
Nur Liebe flößt's ihm ein.

Die Liebe sprach: gehe male,
So gut Du kannst, das Kind.
Und sag, der Kaiser zahle,
Sonst freist du in den Wind.

Die Mutter glänzt wie Firniß,
Entzückt hört sie die Bitt:
Der Kaiser wünscht das Bildnis
Von Fräuleinchen Brigitt!

Man wünscht sie dort zu schauen,
Gemalt auf Leinewand.
Herrn Heinz wollt man's vertrauen
Und seiner Pinselhand.

Die Mutter eigenhändig
Nahm ihre Tochter her
Und fragte sie lebendig,
Ob sie dagegen wär.

»Der Kaiser will Dein Bildnis
Und das ist seine Bitt':
Der Herr dort macht den Grundriß.
Sieh Dir ihn an Brigitt!«

Brigitte, unbefangen,
Sah sich den Herren an
Und kriegt nicht rote Wangen,
Die Jede kriegen kann.

       Jeder, die noch im Leben
Herrn Heinz den Schelm ansah,
Mußt einen Ruck es geben,
Denn dazu war er da.

Sein Blick war wie zwei Hände,
Die um die Taille faßten,
Trug Frauen durch die Wände,
Wenn sie ihm grade paßten.

Doch diesmal tat er selber
Rot vor Brigitte stehn,
Fühlte sich schwach wie Kälber,
Die ihren Metzger sehn.

Brigitt, backfischverächtlich,
Sah zu dem Maler auf.
Ihr Blick sprach sehr beträchtlich:
Steig mir den Buckel 'nauf!

Die Mutter tat's nicht achten.
Sie sprach: »Herr Heinz, mein Herr,
Ich hege kein Verdachten,
Dem Handwerk alle Ehr',

Doch bring ich die Brigitte
In Dero Malersaal,
So bei der Sitzung, bitte,
Sitz ich auch jedesmal.

Man kann ein Kind nicht einsam
Aus seinen Händen geben,
Da ich von Gott es annahm
Als Kapital fürs Leben.«

Herr Heinz durft sich nicht sträuben,
Sonst weckte er Verdacht,
Tät gern die Mutter stäuben,
Weil sie's ihm sauer macht.

Tagtäglich naht Brigitte
Und sitzt als Kopfmodell.
Die Mutter hält auf Sitte
Und weicht nicht von der Stell.

Heinz rühret alle Farben
     Auf seine Leinewand.
Die Pinsel schnell verdarben,
Trotzdem kein Bild entstand.

Brigitte fühlt ein Zwicken,
Weil sie still sitzen soll.
Sie kann sich nicht dreinschicken,
Das Zwicken macht sie toll.

Herr Heinz wird weiß wie Butter,
Da er nichts flüstern darf.
Die Ohren dieser Mutter,
Sie hören teufelsscharf.

Er hat auch keine Eile,
Starrt lang auf's Kopfmodell.
Brigitt, nach einer Weile
Eilt's ihr an jeder Stell.

Er bot ihr Zigaretten,
Trotzdem man so schon raucht.
Brigitte möcht' sich retten,
Da frische Luft sie braucht.

Nach Wochen wie ein Drachen
Sah sie die Mutter nahn.
Bös tat die Mutter lachen,
Und rief: »Der Malermann,

Er hat nicht einen Taler,
Just hör ich's vis-a-vis!
Und er ist auch kein Maler,
Nur ein verliebtes Vieh.«

Und ach! Die Mutter machte
Der ganzen Sache halt.
Da man's ihr hinterbrachte,
Daß Heinz um Liebe malt.

Herr Heinzen kriegte Fieber
Und legte sich zu Bett,
Und wünschte, daß er lieber
Gar nicht mehr leben tät.

Sein Hoffen auf Brigitten
Hing an dem dünnsten Haar.
Zu lang hat er gelitten,
Daß er ganz runter war.

Brigitt hatt' eine Freundin,
Ein ideales Haus.
Zum Laden kam die oft hin
Und sprach sich bei ihr aus.

Die Freundin sie war älter.
Mit seelisch hohem Klang
Sprach sie: »Brigitt, gefällt er
Dir nicht? Mir ist so bang!

Vergeblich war sein Werben.
Die Liebe ihn durchbohrt.
Herr Heinz, er liegt im Sterben,
– Vielleicht ist er schon fort.«

Brigitte rief erschrocken:
»Adele hör mich an!
Ich fühlte stets ein Locken,
Was ich nicht deuten kann.«

»Adele«, fleht Brigitte,
»Dieweil Du älter bist,
Hätt ich gern eine Bitte:
Sag mir was Liebe ist!«

»Die Liebe«, seufzt Adelen,
»Die Liebe ist ein Bann,
Der Dich zuweilen quälen,
Zuweilen kitzeln kann.

Man kann dann kaum still sitzen,
Sie zwickt an jeder Stell« – –
»O, schweige«, rief voll Hitzen
Brigitt das Kopfmodell.

»Ich hatte immer Eile,
Kam ich ins Ateliä,
Und wünscht' nach einer Weile,
Daß irgend was geschäh.

Lebhaft träum ich im Bette
Nachts von der Staffelei,
Von Pinsel und Palette –
Und's Leintuch reißt entzwei.«

    »Brigitte«, sprach Adelen,
»So sollte es ja kommen,
Ich kann's Dir nicht verhehlen:
Mir ist ein Stein genommen.

Denn sonst in seinen Schmerzen
Stirbt ja der arme Mann.
Du mußt ihn liebend herzen,
Damit er leben kann.«

»Und ist er auch kein Maler,
Mausarm nur ein Student,
Und hat er keine Taler,
Weil er nur Schulden kennt, –

Was scheren mich die Taler«,
So ruft Brigitte schlank,
»Ich brauch auch keinen Maler,
Wird er mir nur nicht krank!

Nie durft er mich anfassen,
Weil ich mich dumm benahm.
Er wurde hohl wie Tassen
Und mager von dem Gram!«

»Ich gehe ihn zu holen!
Adele rief: ›Ich geh!‹
Dann küßt Ihr Euch verstohlen,
Indes ich Wache steh.«

Adele ist entwichen
Und lief, wo Heinzen wohnt.
Vom Tod schon angestrichen,
Stand der auf wie der Mond.

Kam weiß zur Ladenkammer.
Dort ward ihm wohl zu Mut,
Weil statt des kalten Jammer
Brigitt am Rock ihm ruht.

Sie taten Beid' erwarmen,
Brigitte küßt mit Lust
Und rief in seinen Armen:
»Hätt ich das längst gewußt!

Du hättest nicht gelitten
Und wärst nicht krank und weiß.
 Verzeih Deiner Brigitten!
Sie tat es nicht mit Fleiß.«

Herr Heinz vom Glück erkoren,
Noch schwach von Fiebernacht,
Hört dies in seinen Ohren
Und weiß nicht, was er macht.

Sein Kopf fällt wie 'ne Tonne
Schwer in Brigittens Schoß.
Ohnmächtig macht ihn Wonne,
Brigitte läßt nicht los.

Er rutscht ihr vor die Füße,
Steif wie ein Leichenam.
Das kommt von dem Geküsse,
Weil es zu plötzlich kam.

Starrkrampf hat ihn genommen
Und machte ihn scheintot.
»Adele, Du mußt kommen!«
Brigitte schrie sich rot.

Adele sieht den Schrecken,
Noch nie kam ihr das vor –
Sie stürzt zur Apotheken
Und schreit nach dem Doktor.

Indessen rauft Brigitte
Verzweifelt jedes Haar,
Ruft: »Heinz stirb nicht, ich bitte,
Heinz, sag es ist nicht wahr!«

Da stand die Mutter plötzlich
Breit unterm Ladentor.
Ach Gott, jetzt wird's entsetzlich!
Jetzt geht ein Drama vor!

Die Mutter tat ersticken,
Sie schrie: »Wie sieht's hier aus!
Der Mensch läßt sich noch blicken?
Sofort wirf ihn hinaus!«

»Ach Mutter«, rief das Mädchen,
»Sieh ihn Dir doch erst an!
Es hängt an einem Fädchen
Sein Leben nur noch dran.«

 »Da hilft nichts«, kreischt die Alte,
»Du machst mir Höllenschand;
Wenn ich ihn hier behalte,
Wirst Du mir stadtbekannt.

Wer will Dich dann noch haben,
Wenn du die Leut' belehrst,
Daß Du Dich Bettelknaben
Zum Schleuderpreis verehrst.«

»Ach Mutter«, fleht sie wieder,
»Ich liebe ihn so sehr.
Ich kniee vor Dir nieder,
Doch geb ich ihn nicht her.«

Die alten Zähne lachen:
»Ach Gott, wie mich das rührt!
Nur daß bei solchen Sachen
Mein Portmonnä nichts spürt.

Du willst ich soll Dich geben
Dem billigen Student?
Zu lieb ist mir Dein Leben,
Das seinen Preis nicht kennt.

Nie sag ich hier mein Amen,
Nie wird hier etwas draus!
Ich nehm Herrn Heinz den Lahmen
Und schleife ihn hinaus.«

Zu Stein erstarrt Brigitte,
Es friert sie jedes Haar.
Dann naht Adel' als Dritte
Mit einer Krankenbahr.

Man trägt Heinz aus der Türe.
Brigitt will hinterdrein,
Wenn nicht dazwischenführe
Die Mutter ganz gemein.

Die Mutter fährt dazwischen
Und schreit: »Du gehst nicht fort!
Du sollst mir nicht entwischen!
Dies ist mein letztes Wort.«

Sie tut die Türe riegeln
  Mit höhnischem Gesicht.
Jetzt muß es sich besiegeln:
Liebt Brigitt oder nicht.

»Die Mutter steht im Wege,
Die Mutter sie muß fort,
Wenn ich auch Hand anlege –
Dies ist mein letztes Wort.«

Ein Messer sonst für Butter,
Auch Käs man damit schnitt,
Mit ihm stürzt sie zur Mutter,
Und stößt's ihr in die Mitt!

Die Mutter schreit: »Brigitte!«
Dann fällt sie um mit Tod.
Ach, nach solch hartem Schritte
Hat Jeder seine Not.

Brigitte kniet und zittert:
»Ach, Mutter sei beklagt!
Du hast mich so erbittert,
Hättest Du Ja gesagt!«

Madonna und Gottvater
Sie mögen ihr verzeihn.
Nach rascher Tat der Kater
Wirkt furchtbar hinterdrein.

Brigitte zieht die Leiche
Aufs nächste Kanapee,
Und fühlt ein kalt Geschleiche
Vom Herz bis in den Zeh.

Dann seufzend eilt Brigitte,
Wohin man Heinzen trug.
Kaum hört er ihre Schritte,
Als er sein Aug aufschlug.

Er lag beim Kerzenschimmer
In seinem Eisenbett,
In dem Studentenzimmer.
Ach, wenn er's besser hätt!

Adele sitzt daneben
Und wacht mit jedem Ohr,
    Tat ihm Umschläge geben,
Tat Wobei sie selber fror.

Da kam Brigitte blühend
Und fiel ihm um den Hals.
Ihr Mund, der rief so glühend:
»Dein bin ich jedenfalls.«

Heinz sprach: »Ich fühle Leben
Und steig wie aus dem Grab.«
Da seufzt Brigitte: »Eben,
Und mich senkt man hinab.«

»Was willst Du damit sagen?«
Fragt Heinz die junge Braut.
»Die Mutter liegt erschlagen,«
Gestand Brigitte laut.

»Es klebt an meinen Händen
Noch warmes Mutterblut.«
– Heinz glaubte zu verenden –
– Schon wieder ging's nicht gut.

»Ich tat's der Liebe Willen,
Gott segnet diesen Mord!
Kalt Blut soll keiner stillen,
Es laufe lieber fort.

Dies Blut, es wollt' uns trennen,
Dies Blut besaß kein Herz;
Dies Blut, es wollt' nur kennen
Verstand als größten Schmerz!«

Brigitte muß heiß sprechen.
Adele ward ganz steif,
Sie fühlte Seitenstechen –
Brigitte sprach so reif.

Doch dann, als sie die Beiden,
Verzweifelt küssen sah,
Wollt' sie mit Freuden leiden, –
Sie fühlt sich dazu da.

Adel' fühlt sich gehoben,
Adel' war ideal,
Sie muß es laut geloben:
»Ich helf auf jeden Fall.

         »Brigitte«, sprach Adele,
»Fürcht nicht die Polizei!
Ich schwör's bei meiner Seele,
Ich sag's, daß ich es sei.«

Sie tut nicht lange warten,
– Adele war stets prompt –
Sie lief durch Straß und Garten,
Bis sie zur Leiche kommt.

Sie meldet sich in Eile
Sogleich der Polizei,
Nach einer kleinen Weile
Lief alle Welt herbei.

Man sucht Fräulein Brigitte,
Daß man es ihr erzähl;
Spricht vorsichtig mit Sitte:
Der Mutter etwas fehl,

Man will sie nicht erschrecken,
Sagt: Mutter ist nicht wohl. –
Brigitt möcht' sich verstecken,
Sie wird verwirrt und toll,

Sie sagt: Jawohl, sie habe
Das alles selbst getan,
Und bis zu ihrem Grabe
Denke sie ewig dran.

Die Leut' sind voll Entsetzen,
Man ruft die Polizei.
Heinz sprach: »Sie tat nur schwätzen,
Und es war nichts dabei.«

Brigitt mit schweren Worten
Sagt: »Höret ihn nicht an!
Adele tat nichts morden.
Ich habe es getan.«

Dann mit verrauftem Haare
Sagt sie dem Heinz Lebwohl,
Weil sie wohl fünfzehn Jahre
Und länger sitzen soll. –

Kaum kam sie aus dem Kerker,
Kaum ist die Strafe gar,
Fühlt sie die Lieb noch stärker,
Als sie je vorher war.

Heinz muß ihr Küsse geben,
Die schönsten von der Welt.
Seht Ihr, wie doch im Leben
Lieb' über's Zuchthaus hält.

Wo Zweie tüchtig küssen,
Da sollt' man weit und breit
Endlich einsehen müssen:
Manch Mord hat Heiligkeit.

Brigitt sitzt jetzt in Schmerzen,
Weint mehr als Jede weint,
Die er mit Lust tat herzen,
Heinz der Madonnenfreund.

Denn meine Frau Brigitte,
Sie kaufte ihn mit Blut.
Tat einfach alle Schritte,
Die man dem Liebsten tut.

Und jetzo,« schloß die Amme,
Will ich Kaffee einschenken.
Kein Mensch zu schnell verdamme!
Das Leben gibt zu denken.« –


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