09.11.2016

M. Dauthenday- Ammenballade-2 (2)



Abenteuer der zweiten Amme

»Ja,« kam's von einer Andern
»Hab's Herrn Heinz nie verdacht,
Sein Herz tat fleißig wandern,
Es war dazu gemacht.

Auch meine Frau tut gleichen
Der Frau Brigitte sehr.
Zwei Männer, ganz als Leichen,
Gab sie für Heinzen her.«

Die sieben andern Ammen
Taten ans Herz sich fassen.
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.

»Die Fürstin«, sprach die Eine
Und wischte sich den Mund,
»Warf Perlen vor die Schweine
In ihrer Hochzeitsstund.«

Es ward Bonaventura
Bald untreu ihrem Mann.
Weil von ihm kaum 'ne Spur da,
Von dem, was da sein kann.

Mit einem Wort, es lebte
Der Fürst nur von Morphin.
Der Fürstin widerstrebte
Alles, was Medizin.

Sie fühlte sich verstanden
Vom Attaché de l'O ....,
Und da sie sich schon kannten,
Traf man sich leicht mal wo.

Sie kam im dichten Schleier
Zum ersten Rendez-vous.
Im Wald fühlt man sich freier,
Nur Bäume sehen zu.

Doch wie die Fürstin schwärmend
Anschaut den Attaché,
Schien er ihr nicht erwärmend,
Weil jemand in der Näh.

Ein Mann suchte für Tinte
Galläpfel, und es blitzt
Sein Aug wie eine Flinte,
Sein Blick, der zielt und sitzt.

Der Mann folgt ihren Schritten,
Zuerst war sie empört.
Er hat in Waldesmitten
Ihr Rendez-vous gestört.

Und auch am nächsten Tage
War überall er da.
Der Wald ward eine Plage
Frau Bonaventura.

Gewisse Augen sitzen
Von manchem Mannsgesicht.
Dann muß jed' Weib erhitzen,
Will sie es oder nicht.

Sie konnt ihn nicht vergessen.
Und er, der so geschaut,
Das ist Herr Heinz gewesen –
Sein Herz nahm sie zur Braut.

Der Attaché, nicht näher
War der von Heinz entzückt
Er glaubt, es wär ein Späher
Vom Fürsten ausgeschickt.

Darum schlug er zur Schonung,
Für Auge und für Ohr,
Auf morgen seine Wohnung
Als Rendez-vousplatz vor.

Die Fürstin in Gedanken
Sagt' gleichgültig nur: Ja.
Denn bei den Liebeskranken
Ist wenig Stimme da.

Fürstin Bonaventura
Hat sich nicht eingestellt.
Sie fand, 's wär mehr Natur da,
Wenn sie den Waldweg wählt.

Und diesmal wich die Fürstin
Dem Augenblick nicht aus,
   Sie lehnte sich an Heinz hin,
Sprach: »Hier bin ich zu Haus.«

Denn bei ihm fand sie Sprache,
Er schwört bei jedem Kuß.
Natürlich war die Sache
Und nicht bloß, weil man muß.

Er tat nicht Galle suchen,
Er suchte ihren Mund.
Und unter grauen Buchen,
Da trieben sie es bunt.

Wie Zweige vom Epheue
War Leib an Leib gerankt.
Sie schwuren schwere Treue,
Und niemals würd' gezankt.

Sie konnt' ihn los nicht lassen,
Noch wie der Mond aufging,
Küßt sie ihn ohne Maßen –
Der Wald fast Feuer fing.

Sie sprach: »Ich bin entschlossen,
Noch heute reiß ich aus,
In meiner Staatskarossen
Fliehn wir zur Stadt hinaus.«

Sie nahm all ihre Broschen
Und's silberne Besteck.
Der Fürst fror in Galoschen,
Starb Mittags noch am Schreck.

Herr Heinz und seine Fürstin,
Sie flohn durch Feld und Straß'.
Die Pferde flogen glatthin,
Weil nichts im Wege saß.

Doch an dem nächsten Flecken
Traf sie ein langer Brief;
Und dieser tat bezwecken,
Daß nachts man nicht mehr schlief.

Der Attaché schrieb klagend:
Er wollt' sie nochmals sehn,
Der Fürstin Lebwohl sagend,
Nur so könnt' er bestehn.

     Er sei im städt'schen Garten
Mittags von eins bis zwei.
Und möcht' nicht länger warten,
Auf's Höchst' bis Viertel drei!

Und sei sie nicht entschlossen
Und käme nicht genau,
So hätt' er sich erschossen –
Er schösse nicht in's Blau.

Die Frau wollt' er verfluchen,
Dies Weib, das ihn betört;
Sein Geist würd' sie aufsuchen,
Auch wenn er nächtlich stört.

Die Fürstin las das Schreiben
Dem Heinzen, Satz um Satz.
Heinz zwang sie nicht zu bleiben,
Sprach: »Geh hin, schönster Schatz!

Hast meine warmen Küsse
Als einen Talisman,
So daß Revolverschüsse
Und Dolch nichts schaden kann.«

Die Fürstin ging zum Garten,
Wie Heinzen ihr's empfahl.
Sie tat bis zwei Uhr warten
Und tat es ohne Qual.

An Heinz dacht' sie beständig,
Um zwei ging sie nach Haus.
Froh, daß sie ganz lebendig,
Zog sie die Uhr heraus.

Schob sacht den Zeiger weiter,
Den sie vorher verstellt.
Denn deshalb hat sie leider
Das Rendez-vous verfehlt.

Sie hat sich schlau gerettet
Aus dieser schweren Stund.
Und Heinz hat recht gewettet:
Sie kehrte heim gesund.

Doch abends, da sie eben
     Im Bett ihr Haar aufsteckt,
Sieht sie was Weißes schweben.
Was Schüttelfrost erweckt.

Sie muß ans Bettend starren,
Als müßt' dort Jemand stehn.
Mit Angst in allen Haaren
Muß sie das Weiße sehn.

Heinz sagt, es ist 'ne Falte
Im Vorhang. 'S geht nicht fort.
Sie fühlt die Luft, die kalte, –
Der Attaché sitzt dort.

Sie floh in Schreckensnöten
Zu Heinz unter die Deck.
Da muß der Geist erröten,
Und später blieb er weg.

Doch eh er ging für immer,
Sprach er: »Bonaventur,
Du Weib, Du bist noch schlimmer
Wie's Weib sonst von Natur.«

Und früh las sie im Blatte,
Man fand den Attaché
Erschossen, wo sie hatte
Verfehlt ihn ganz exprés.

So tat Bonaventura
Aus Liebe zu Herrn Heinz.
Für ihn war sie jetzt nur da,
Und alles war ihr eins.

Liegen so Zwei im Bette
Und kommt auch noch ein Geist,
Sind sie der Nachwelt fette
Beweis', was Liebe heißt.

Und heut weint meine Fürstin
Noch mehr als Jede weint.
Es starb ihr Lebensgeist hin
Mit Heinzen, ihrem Freund.

»Auch ich«, schloß hier die Amme
»Will jetzt Kaffee einschenken.
Wahr ist's, kein Mensch verdamme!
Das Leben gibt zu denken.« –


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