09.11.2016

M. Dauthenday- Ammenballade-5 (5)



 Abenteuer der fünften Amme

»Ja wirklich,« sprach da Eine
»Nichts ist vor Lieb' gefeit,
Herrn Heinz liebten einst reine
Zwilling zur Veilchenzeit.

Und da gibt's nichts zu lachen,
Die Lieb ist wundersam.
Und Liebe konnt' es machen,
Daß Totes wiederkam.«

Die sieben andern Ammen
Mußten ans Herz sich fassen.
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.

»Aurora und Alice,«
So hieß ein Zwillingspaar.
So ähnlich waren diese,
Es fehlte dran kein Haar.

Durch einen Blumenladen
Ernährten sie sich keusch.
Wie Rosen still auf Drahten
Lebten sie ohn' Geräusch.

Heinz kam zur Rosenhecke
Hinter den Ladenpult,
Und nur zum Ankaufszwecke
Empfing man ihn mit Huld.

Es wagten nie die Damen
Die Käufer anzusehn.
Selbst wenn Ausländer kamen,
Blieb jede schamrot stehn.

Sie sahen nur auf Hände,
Man schlug nie auf den Blick,
Erkannten ohn' Umstände
Den Mensch am Handmimik.

Konnten durch Handschuh lesen,
Was jeder Käufer denkt,
Wenn sie dem obern Wesen
Auch keinen Blick geschenkt.

  Sah'n nur den kleinen Finger
Und wußten es sogleich:
Trotz Diamantendinger
Sind Menschen doch nicht reich.

Sie müssen noch was haben,
Noch ein besondres Air.
Denn sonst, bei allen Gaben,
Sind ihre Hände leer.

Bei Heinzens Hände fielen
Sie beide fast zur Wand.
Sie war ganz ohne Schwielen
Und doch die Schicksalshand.

Zum ersten Male tauten
Die beiden Damen auf.
Und ihre Blicke blauten
Heinz bis zum Hals hinauf.

Von Beiden die Aurora,
Sie ward besonders rot.
Was flüstert ihr ins Ohr da:
Der Mann, der bringt den Tod!

Wogegen die Alice
Den Heinzen fast anblickt.
Und eben es war diese,
Die dann am Heinz erstickt.

Herr Heinz kauft hundert Rosen
Und alle ohne Draht.
Weil er die Stengellosen
Von je verachtet hat.

Herr Heinz kam jeden Morgen
Und kaufte wie verrückt,
Ihm taten Freunde borgen,
Weil's Geben sie entzückt.

Im Herbste, wo die Veilchen
In zweiter Blüte stehn,
Da mußt nach einem Weilchen
Ein Zwilling einsam stehn.

Denn Heinz, er hat's entschieden:
Er nähm Fräulein Auror'.
    Ihm schien die mehr zu sieden,
Und kam ihm wärmer vor.

Alice stand im Laden
Am Sonntag Nachmittag,
Heut' ging die Stadt zum Baden,
Herbstglut am Himmel lag.

Sie mochte nicht mal denken
An das geringste Bad.
Konnt den Gedank nicht lenken
Von Heinz, den sie nicht hat.

Sie ist schon längst entschlossen,
Und heute wird's getan,
Sie füllt sich einen großen
Waschkorb mit Veilchen an.

Sie ist mit ihrem weißen
Firmungsgewand geschmückt.
Tat Tränen stolz verbeißen
Und hat sich tief gebückt.

Im Waschkorb zu ersticken
Sucht sie durch Veilchen Ruh.
Ein Talglicht blöd von Blicken
Sieht ihr mit Tränen zu.

Auf einen weißen Bogen
Schrieb sie es vorher hin:
»Aurora, bin betragen,
Weil ich Dein Zwilling bin.«

Mit Heinz kommt heim Aurora
Und sucht im Ladenraum:
»Alic' war doch zuvor da!
Jetzt sieht man sie ja kaum.«

Die Talglichttränen stanken,
Das Licht war eben aus.
Es raucht noch in Gedanken –
Aurora schlich hinaus.

»Ach, Heinz, komm doch mal näher,
Ich glaub', es ist wer tot,
Es riecht nach Leichen eher
Als wie nach Rosenrot.«

 Heinz kommt ganz in Gedanken,
Zum Veilchenkorbe hin,
Fühlt seine Kniee wanken
Und sagt: »Es liegt wer drin.«

Tief unter blauen Veilchen
Lag die Alice weiß,
Sie zuckte noch ein Weilchen
Und starb dann schnell mit Fleiß.

Untröstlich war Aurora,
Herr Heinzen schluchzt mit Macht.
Ein Licht war noch zurvor da,
Und jetzt war's still und Nacht.

Und noch nach langen Jahren
Sieht man den Heinzen viel,
Mit seltsamen Gebahren
Zur Veilchenzeit oft still,

In eine Hand voll Veilchen
Den Kopf hineingesteckt,
Das treibt er so ein Weilchen,
Bis ihn Aurora weckt.

»Ich wollte es nur fühlen«
Spricht Heinz dann lebensmüd,
»Ob Veilchen wirklich kühlen,
Wenn's Blut im Herzen glüht.«

Heut' sitzt am Sarge diese
Aurora, und sie weint,
Denkt: glücklich ist Alice,
Jetzt kriegt sie meinen Freund.

Und seufzend streut Aurora
Ihm Parmaveilchen hin:
»Ach wärst Du wie zuvor da,
Weil ich noch lebend bin!«

»Jetzo«, schloß hier die Amme,
»Will ich Kaffee einschenken.
Lieb ist 'ne wundersame
Sache und gibt zu denken.« –


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