2016-11-12

M. Dauthenday- Ammenballade-6 (6)



 Abenteuer der sechsten Amme

Jemand muß heut' noch sterben,
Ein Hund heult so heut' Nacht!
Die Zähn' klappern wie Scherben,
Jed' Amme Kreuze macht.

In sich gebückt wie Knäule
Zwei Kreuz' noch Jede macht.
Endlos ist's Hundsgeheule,
Ja, Jemand stirbt heut Nacht! –

Und eine Amme wieder
Sprach: »Alles nimmt ein End,
Enden tun alle Lieder,
Man ist das schon gewöhnt.

Durch Horchen hört man eben,
Wie man beim Reden spricht.
Heinz wär' heut' noch am Leben,
Horchte Babette nicht.

So denk' ich mir das Ganze:
Der Teufel war im Spiel.
Oft sitzt an einer Wanze
Sein Pech, wann er es will.«

Die sieben andern Ammen
Mußten ans Herz sich fassen.
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.

Babett tut Schornstein fegen,
Wird Schornsteinrat genannt.
Und schwarz ist sie deswegen
Und dadurch stadtbekannt.

Einmal da rutscht sie 'runter,
Herrn Heinz just in die Arm'.
Vom Dach fiel sie hinunter,
Noch war sie ganz rußwarm.

Er trug sie in sein Zimmer
Und wusch sie etwas klar.
Und daraus ward was schlimmer,
Etwas, was furchtbar war.

    Nämlich 'ne Mordgeschichte
Entstand aus diesem Akt.
Vorher da schloß im Schornstein
Der Teufel seinen Pakt.

Der Teufel kam gekrochen,
Sprach: »Babett, kriegst 'nen Mann,
Wenn nach so'n so viel Wochen
Ich mir ihn holen kann.

Du mußt ihm dann erzählen,
Was ich Dir sagen tu.
Denn nur so darfst Du wählen
Und gibst dem Teufel Ruh.

Dafür darfst Du auch küssen,
Kriegst einen ganzen Mann.
Du kannst nichts Beßres müssen.«
Was liegt der Babett d'ran!

Kaum ist sie einverstanden,
Schmeißt Jemand sie vom Dach.
Sie tut bei Heinzen landen –
Der Teufel sieht ihr nach.

Der Heinz hat sie gewaschen,
Und als sie rein genug,
Läßt sie Heinz Küsse naschen,
Nascht selber zart und klug.

Bald lebten sie wie Tauben,
Sie liebte selbstbewußt,
Tat seine Lampen schrauben,
Wenn eine Lampe rußt.

Des Morgens stieg sie wieder
Zum Schornsteine hinauf,
Abends zu Heinz hernieder;
Das war ihr Lebenslauf.

Doch endlich nach acht Wochen,
Da kam dann der Termin.
Der Teufel kam gekrochen,
Saß im Kamine drin.

Babett gleich einem Storchen
Kehrt just beim Advokat.
   Auf einem Bein zu horchen
Sie die Gewohnheit hat.

Dort war grad' Herrenessen.
Man renommierte sehr,
Und bei dem besten Fressen
Fiel über Heinz man her.

Man sprach, man könnt' nicht zählen,
Wie groß sein Harem sei.
Er tät' die Mädchen schälen
Und liebte sie zu Brei.

Und alle Frauen wüßten,
Zu hitzig ging er um.
Doch all' ihn lieben müßten,
Nur eine bliebe stumm.

»Und diese seltne eine«,
Lachte der Advokat,
»Ist eine selten Reine,
Die ich mal küssen tat.«

Die Ohren der Babette,
Die wuchsen riesengroß.
Wenn sie doch keine hätte!
Jetzt ist der Teufel los.

Der Advokat spricht: »Heute
Sieht man's dem Heinz nicht an,
Welch' ideale Leute
Der Heinzen lieben kann.

Das war damals Sylvester,
Da saß ich auf dem Land,
Wo meine Milichschwester
Tief in Prozessen stand.

Im Haus war eine Dame,
Sie schrieb die Schreibmaschin'.
Rosalie war ihr Name,
Sie schrieb stets still dahin.

Rosalie zu Sylvester
Auch sie goß mit uns Blei.«
Sprach: »Advokat, mein Bester,
Steht mir 'ne Frage frei?

  Sagt mir doch das Orakel
Hier aus dem Blei heraus!
Besah mir den Spektakel
Und ward nicht klug daraus.

Sie fragte mich so eigen,
Als müßt' in diesem Jahr
Sich was besondres zeigen,
Dran ihr gelegen war.

Und später traf ich richtig
Im Dunkeln sie allein,
Und dies soll immer wichtig
Bei allen Damen sein.

Laß mir das nicht entgehen,
Ich habe sie geküßt.
Sie ließ es auch geschehen,
Und ich bekam Gelüst,

Das Neujahr zu beginnen,
So gut's am Lande geht.
Wollt' um mehr Küsse minnen –
Doch Rosa widersteht.«

Die Ohren der Babette,
Sie sind schon wie ein Faß.
Wenn sie jetzt keine hätte,
Sie hörte doch etwas.

»Ich fragt'«, warum den einen
Kuß sie gelitten hat,
Sie sprach: »Ich war im Reinen
Nicht ganz, Herr Advokat,

Mit mir. Ich dacht voll Lachen
Als man den Kuß mir nahm:
So dürfte es sich machen,
Wär' hier mein Bräutigam.

Ich tue ihn erwarten
Jetzt volle zwanzig Jahr.
Frag' stündlich nur die Karten,
Auch dies macht mich nicht klar!«

Ich hörte zu allmählich.
   Sie sprach sich einfach aus:
Herr Heinz, er mach' sie selig,
Sie kenn' ihn von zu Haus.

Sie war damals 'ne kleine
Liebliche Kindsperson,
Ein Kindermädchen, reine,
Mit Sucht nach höhrem Ton.

Sie schob den Kinderwagen
Und sagte höchstens: »ach!«
Heinz tat um Lieb sie fragen.
Und sie sprach: »Heinz, hernach!«

Denn er ging noch zur Schule
Mit der Primanerschar,
Las ihr König von Thule,
Wo eine Buhle war.

Sie traf unter Kastanien
Den Heinz da jede Nacht,
Nahm gerne die Geranien,
Die er ihr mitgebracht.

Sie hielten sich die Hände,
Doch mehr gab sie ihm nicht.
Weil es ihr besser stände,
Wenn sie sich ihm verspricht.

Er steckte an den Finger
Ein Ringlein ihr aus Stahl,
Wertvoller als Golddinger,
Die's sonst gibt jedesmal.

Sie tat sich ihm geloben –
Schwur Heinz stählerne Treu,
Darum hielt sie sich oben.
Noch heut ist sie ihm neu.

Und treu will sie ihm bleiben
Auch in dem neuen Jahr.
Es ist nicht zu beschreiben,
Wie Rosa komisch war.

Da brüllten alle Herren,
Es brüllt der Advokat.
Solch Lachen muß verzerren,
  Er wußt' nicht, was er tat.

Er hob sein Glas zur Höhe
Und rief: »Es leb' der Kuß!
Treu beißen auch die Flöhe,
Weil man sich nähren muß.«

Plötzlich ertönt ein Poltern –
Der Schornstein stürzt fast ein.
Mit ihren Liebesfoltern
Fällt die Babett herein.

Sie muß zuerst sich schütteln,
Dann schreit sie hoch in Wut:
»Dem Anwalt und den Bütteln
Schmeckt das Verschwärzen gut!

Herr Advokat, Sie brennen
Sich ganz gemein den Mund,
Wenn Rosa Sie verkennen
In ihrer besten Stund.

Gleich muß der Heinz mir her da!
– Wie ihr doch dreckig lacht! –
Wüßt ich doch, ob aus Rosa
Mein Heinz sich viel noch macht!«

Vor Staub und Ruß konnt niemand
Den andern richtig sehn.
Das Lachen schnell dahinschwand,
Der Ruß nur blieb bestehn.

Das End vom Herrenessen
Schien ein Kinnbackenkrampf.
Weit auf standen zwölf Fressen,
Und der Verstand ward Dampf.

»Der Teufel!« schrieen alle,
Und selbst ein Staatsanwalt
Rief: »Ja, in diesem Falle
Kam er in Weibsgestalt.«

Babette aber, eiligst,
Flog sturmgebläht nach Haus.
Herr Heinz übt grad kurzweiligst
Die Kunst am Waldhorn aus.

 Sie hört schon aus drei Straßen,
Wie schön er tremoliert.
Sie muß ans Herz sich fassen,
Weil sie dort was verliert.

Sie fühlt sich wie erstochen:
Heinz gehört Rosa an!
Rosa ist er versprochen!
Sie hat kein Recht daran!

Es zieht die Trän' wie Säure
Linien durchs Rußgesicht.
Wie schön bläst Heinz der Teure!
Und Schwärze kennt er nicht.

Keine hat er vergessen,
Doch auch behalten – nie.
Auf nichts war er versessen,
Nur auf die Rosalie.

So denkt es sich Babette
Ganz schmierig im Gesicht.
Wenn sie nicht Ruß dran hätte,
Wär sie wie ein Gedicht.

Rosa wollt' er nicht rühren
Der Heinz, wie sonst er's tat,
Weil er ja zum Verführen
Die andern Alle hat.

Auch denkt sich jetzt Babette
Im Herz den Hexenschuß:
»Wenn keins gesprochen hätte!
Da ich doch horchen muß!«

Denn Heinz, er ging zur Stunde,
Nachdem Babette sprach,
Zur Herrentafelrunde
Und machte einen Krach.

Schlug sich dann ohne Sorgen
Im Wäldchen mit dem Herrn.
Kaum lag er tot am Morgen,
Da hätt' ihn Jeder gern.

Ihm fließt vom Herz ein Fädchen
Tiefrot und leuchtet sehr,
  Weil Heinz von seinen Mädchen
Verteidigte die Ehr!

Babett, wenn auch gewaschen,
Fühlt stündlich sich nicht rein.
Schuld sitzt in ihren Taschen,
Schwarz wie Kamine sein.

Sie möcht' am Sarge toben,
Weil sie jetzt nichts mehr hat,
Als in dem Schornstein oben
Den Titel Schornsteinrat.

»Nun möcht ich«, sprach die Amme,
»Einmal die Tassen schwenken.
Der Rest schmeckt stets infame.
Leben tut Gräber schenken« –


Gedichte v. Dauthenday                                                                                            weiter

alle Gedicht nach Themen

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de