09.12.2016

M.G.Lichtwer-Fabeln- Der Affe und der Bär (2)



 Der Affe und der Bär

Ein Aff und Bär, zween nahe Vettern,
gleich groß, gleich näschig und gleich alt,
auch gleich geschickt im Steig und Klettern
durchstrichen eifrig Feld und Wald.
Um ihrer Magen Zorn zu stillen,
der Bär ging langsam, traurig, krumm,
als wie ein Schuldner und fing Grillen,
der Affe sah sich munter um.
Der Hunger macht ihm leichte Glieder,
ein Luftsprung kostet ihm nicht viel,
jetzt sieht er auf, jetzt vor sich nieder,
ein Affe lebt und stirbt im Spiel.
Was nützen diese Fleischergänge,
rief hier der Affe mit Verdruß,
wenn ich auf einen Baum mich’schwänge,
darauf sich alles zeigen muß,
so dürften wir nicht länger suchen,
sofort bemerkt er einen Baum,
die Königin der hohen Buchen,
er kroch hinauf, man sah ihn kaum.
Drauf setzt er sich, beroch das Wetter,
guckt endlich wieder in den Wald;
o Vetter, schrie er, lieber Vetter,
du bist ja wie ein Zwerg gestalt.
Was ist dir immer widerfahren,
du bist noch einer Erbse groß,
da wir sonst gleiche Länge waren.
O Vetterchen, dich hör ich bloß,
antwortete der Bär erbittert,
und nun ward das Gezänke scharf,
bis, da sie endlich ausgewittert,
der Affe sich herunterwarf.
Wie nun? rief Petz, sobald er drunten;
wie nun? versetzt der Bavian,
warst du denn oben und du unten?
Sie sahen sich verwundert an.
Du bist ein Bär: Und du ein Affe,
fiel Aff und Bär einander ein,
hier ist nichts, das uns Nutzen schaffe,
die Buche muß bezaubert sein.

Wenn du einmal an Ehren steigst
und deinen Freunden und Verwandten,
die dich als ihresgleichen kannten,
ein fremd und stolzes Auge zeigst,
so geh in dich und untersuche
der Fabel Sinn, er weist auf dich,
denn glaube mir nur sicherlich,
du bist das Äffchen auf der Buche.


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