09.12.2016

M.G.Lichtwer-Fabeln- Der Fuchs (7)



Der Fuchs

Es fand der Fuchs ein Buch im Grase,
ein Buch im Grase? sagtest du?
Wie kam das Buch ins Gras ? Mein Freund, laß mich in Ruh
ich sag, er fand es da und fand es mit der Nase,
so lautet, sag ich, der Bericht,
und fand er es im Grase nicht,
wo hätt er es denn sonst gefunden?
Das Buch, in Leder eingebunden,
das Meister Fuchs im Grase fand',
       war, o beweinenswürdger Schade!
die weltberühmte Vulpiade,
sonst Reinecke der Fuchs genannt.

Es steckte zwar der Fuchs die Nase tief hinein,
es schien, als hätt er Lust zu lesen,
allein, wie könnt es möglich sein?'
Er war auf Schulen nie gewesen.
Der gute Schlucker suchte hier
ein Pflaster für den leeren Magen,
er suchte Fleisch und fand Papier.
Er wollte schon den Band zernagen,
als er im Buche selbst sein Bildnis hier und da
nicht ohne Schrecken glänzen sah.
Sofort ward es von ihm durchbildert;
und seht! der Fuchs erstaunt. Er fand sich überall
bei manchem Glücks- und Unglücksfall
recht nach dem Leben abgeschildert.
Vor ändern rührt ihn die Gefahr,
die ihn bis untern Galgen brachte
und gar zum armen Sünder machte,
weil alles so natürlich war.
Man sprach das Urteil über ihn,
der weiße Stab lag ihm zum Füßen.
Der Galgen stand vor ihm und schien
ihn schon als Hauswirt zu begrüßen.
Der Kater Hinz hielt einen Strick
und hieß ihn auf die Leiter treten,
der Bär hub an, mit ihm zu beten,
so nahe schien allhier sein letzter Augenblick.
Hier schimpft und sprach der Hühnerdieb:
Entweder mein Gedächtniskasten
hat so viel Löcher als ein Sieb,
wo nicht, so lügen die Phantasten,
die dies gemalt, mit allem Fleiß:
Denn nach der Bilder Sinn zu raten,
so stehn hier viel von meinen Taten,
davon ich keine Silbe weiß.

            Was da der Fuchs sagt, würden wir
von hundert alten Helden hören,
wenn sie die Bücher, die wir hier
von ihnen lesen, kundig wären.

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