2016-12-09

M.G.Lichtwer-Fabeln- Der Fuchs und der Adler (6)



 Der Fuchs und der Adler

Es lebt aus Reineckens Geschlechte
ein jung und eitler Abkömmling,
der oft mit mehrerm Glück als Rechte
der schnellen Hunde Spur entging.

Da lag er nun vor seinem Loche
und lachte bei sich der Gefahr,
der er noch in vergangner Woche
durch einen Sprung entronnen war.

Sagt, rief er, Höfe, Wiesen, Ställe,
ihr Zeugen meiner Tapferkeit,
wer stiehlt wie ich? Wer sieht so helle?
Wer läuft so schnell? Wer riecht so weit?

Vertieft in solchen Wunderdingen,
bemerkt er eines Adlers Flug,
wie ihn mit ausgestreckten Schwingen
das stille Meer der Lüfte trug.

O könnt ich fliegen wie die Vögel!
Den Neid, erseufzt er, macht ich stumm,
euch aber kahl, ihr Baurenflegel;
mit Lust gäb ich ein Ohr darum.

Jetzt legt ein Schuß den Adler nieder,
der Fuchs nimmt es mit Schrecken wahr,
zu fliegen wünscht er nimmer wieder:

Je höher Stand, je mehr Gefahr.


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