2016-12-10

M.G.Lichtwer-Fabeln- Der Priester und der Kranke (12)



Der Priester und der Kranke

Es rasten Pest und Tod in einer großen Stadt,
die Priester wurden heisch, die Totengräber matt,
so wuchs der Kranken Zahl, so häuften sich die Bahren,
Geschlechter starben aus, viel Junge vor den Jahren,
viel Alte, doch nicht gern: das sähe kläglich aus:
Einst kam ein Ordensmann in ein gewisses Haus,
hier lag ein alter Greis und stritt mit seinem Ende,
sein Pfühl war mürbes Stroh, sein Hüter kahle Wände,
zwei Sägen und ein Beil, sein ganzes Hab und Gut,
mein Freund, hob jener an, faßt einen frohen Mut,
der Kerker dieser Welt wird Euch nun aufgeschlossen,
wo Ihr der Wermut viel und wenig Lust genossen.
Verzeiht, antwortete der arme kranke Mann,
ich habe gut gelebt, so weit ich denken kann.
Mich quälten weder Neid noch Haß, noch Nahrungssorgen,
mein Werkzeug, das hier liegt, erwarb mir alle Morgen
des Tages Unterhalt, von Schulden war ich frei,
gesund, mein eigner Herr, was fehlte mir dabei?
Der Pfarrer wußte nicht, was er gedenken sollte,
doch fragt er, ob er denn auch gerne sterben wollte.
Warum nicht, sprach der Greis, da, wie Ihr sehen könnt,
mir Gott so lange Zeit des Lebens Lust gegönnt?

O möchten groß und klein des Alten Lehre fassen!
Wer sich begnügen läßt, lebt fröhlich, stirbt gelassen.

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