2016-12-10

M.G.Lichtwer-Fabeln- Der Vater und die drei Söhne (14)



Der Vater und die drei Söhne

Von Jahren alt, an Gütern reich,
teilt einst ein Vater sein Vermögen
und den mit Müh erworbnen Segen
selbst unter die drei Söhne gleich.
Ein Diamant ists, sprach der Alte,
den ich für den von euch behalte,
der mittelst einer edlen Tat
dazu den größten Anspruch hat.
Um diesen Anspruch zu erlangen,
     sieht man die Söhne sich zerstreun,
drei Monden waren schon vergangen,
da stellten sie sich wieder ein.
Drauf sprach der älteste der Brüder:
Hört! Es vertraut ein fremder Mann
sein Gut ohn eingen Schein mir an,
dem gab ich es getreulich wieder.
Sagt, war die Tat nicht lobenswert?
Du tatest, Sohn, wie sichs gehört,
ließ sich der Vater hier vernehmen,
wer anders tut, der muß sich schämen.
Wenn ehrlich sein heißt uns die Pflicht,
die Tat ist gut, doch edel nidit.

Der andre sprach: Auf meiner Reise
fiel einst ganz unachtsamerweise
ein armes Kind in einen See,
ich aber zog es in die Höh
und rettete dem Kind das Leben;
in Dorf kann davon Zeugnis geben.
Du tatest, sprach der Greis, mein Kind,
was wir als Menschen schuldig sind.

Der jüngste sprach: Bei seinen Schafen
war einst mein Feind fest eingeschlafen
in eines tiefen Abgrunds Rand,
sein Leben stand in meiner Hand.
Ich weckt ihn und zog ihn zurücke.
ah, rief der Greis mit holdem Blicke,
der Ring ist dein, welch edler Mut,
wenn man dem Feinde Gutes tut.

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