11.12.2016

M.G.Lichtwer-Fabeln- Phyllis und der Vogel (26)



  Phyllis und der Vogel

Es trug Damöt vor wenig Wochen
zu Phyllis, seiner Schäferin,
ein Tier, das er ihr längst versprochen,
ein abgerichtet Vöglein hin.
Ach! sagte Phyllis, mein Damöt,
es ist recht schön, kann es auch singen?
Ja ! Kind, es singt, wie ein Poet,
ich werde dir nichts Schlechtes bringen.

Wie freundlich dankte sie Damöten!
Wer wünschte nicht, Damöt zu sein?
Sie schloß den fliegenden Poeten
in ein vergittert Häuschen ein.
Sie knackt ihm Hanf, sie gab ihm Brot,
das sie zuvor in Milch erweichte,
es hieß: Der Vogel leidet Not,
sooft sie ihm das Futter reichte.

Der Vogel, dem dergleichen Fülle
nie vor den Schnabel kommen war,
genoß sein Futter in der Stille
und unterließ das Singen gar.
Ei, sagte Phyllis, sing auch nun,
sieh, was ich dir für Guts erzeiget,
der Vogel hatte mehr zu tun,
sie häuft sein Futter, nichts; er schweiget.

Damöt, das will ich nicht vergessen,
rief Phyllis, daß ich dir geglaubt,
der Vogel hat so viel zu fressen
und singt doch nicht, ist das erlaubt?
Es blieb dabei. Hört, was geschah?
Die Schäferin ging einst zum Schmause
und blieb bis an den Abend da,
der Vogel hungerte zu Hause.

      Ergötzt er gleich nicht Phyllis Ohren,
so war ihr doch der Vogel lieb,
sie schätzt ihn diesmal für verloren,
ach! sagte sie, du armer Dieb,
indem ich hier getanzt, wirst du
vielleicht schon mit dem Tode ringen,
sie eilt nach ihrer Wohnung zu,
da höret sie den Vogel singen.

So, rief die Phyllis, kam dein Schweigen
von allzu vielem Futter her,
so wird der Hanf im Preise steigen.
Sie hält ihn knapp. Nun singet er.
Der Vorsicht Weisheit zeiget sich
vom kleinsten Wesen bis zum größten,
sie nährt die Dichter kümmerlich,
warum? Da singen sie am besten.

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