2017-01-05

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 01.07.1824 (437)



438. An Goethe 01.07.1824

Berlin, den 1. Juli 1824. Daß Du mit dem Thaer’schen Stückchen nicht unzufrieden bist, kann mich sehr erfreuen. Zuviel habe nicht daran tun wollen, und mir ist schon recht, wenn daran ist, was Du daran findest.

Deine »Iris« ist von innen her wohl so gut als da. Ein glücklicher Anlaß von außen her ist nicht zu erjagen, ich will den Gott erwarten, der auch seine Arbeit hat. Bis dahin magst Du Dich an eigener Glut warm halten, ich mag nicht sein, der sie Dir kühlt.

Über den »Cyklopen« des Euripides wüßte ich gern ein Wort von Dir. Ich habe ihn sehr früh gelesen und wenig verstanden. Bei Lesung Deines »Satyros« ist er mir wieder ins Gedächtnis gekommen. Gib es ja nicht auf, Dich darüber zu eröffnen; es ist fast unglaublich, wie die Kommentatoren an der Schale des Antiken herumtastieren und gerade da, wo man sie erwarten sollte, ausbleiben.

Den 2. Juli. Soeben komme aus der Deutschen Gesellschaft, wo Klopstocks Sekularfest durch Gesang und Reden ist gefeiert worden. Eine von den Reden ist mir etwas länglich worden. Klopstock war darin gehörig erhoben und keinesweges zu hoch gestellt. Wie sich aber der Name Klopstock gegen die Namen Milton, Homer, Agamemnon, Achill und so weiter ausnahm und die Rede immer aus war ohne zu enden, magst Du Dir selber sagen. Vor diesem las ein Professor August recht klar und rund: so wie unser Gefeierte das Andenken seiner Nachfolger verdiene, so sei auch zu Würdigung seiner löblichen Persönlichkeit schon vor uns manches geschehen und er, der Redner, verspreche sich den Dank der Zuhörerschaft, wenn er in Erinnerung bringe, was Goethe im 10. Buche aus seinem »Leben« so bündig und wahr ausgesprochen habe.

Hier las er die ganze Stelle aus »Dichtung und Wahrheit« vor, was uns allen als neu erschien, da es hier an seinem Orte von erfreuender Wirkung war, und schloß bald darauf mit einer Ode von Klopstock. Darauf sind sie denn essen gegangen, und bei Tische hat der alte gute Wolke noch eine lange Rede vorzulesen — aufgeben müssen, indem sie ihm das Manuskript aus der Tasche gestohlen haben.

Dr. Schubarth ist von hier ab nach Schlesien zurückgegangen, weil seine Hoffnung zu einer Anstellung sich zu sehr ins Lange zieht. Er hat mich besorgt gemacht und sich und mir manche Stunde mit Klagen verkümmert. Es ist ein Elend, wenn man nicht helfen kann. Noch schlimmer aber, wenn man auswärtig glaubt, daß hier Mangel sei an Männern, die Gehalte beziehn.

8. Juli Mademoiselle Lindener aus Frankfurt am Main spielt jetzt Gastrollen und ist nebst ihrer Vorgängerin Madame Neumann das Gespräch des Tages. Die erstere habe ich noch nicht wieder gesehn, weil ich eben einen guten Abend im Freien der theatralischen Stickluft vorziehe. Dann auch das magere Komödienwesen bloß darum zum 100. Male, um Einer neuen Person [willen], zu repetieren mir ebensowenig zusagt. Wüßte ich doch kaum, ob ich ein tüchtiges Stück, mittelmäßig gespielt, nicht lieber hätte, als das abgedroschene Zeug bloß in neuen Kleidern vorbeipassieren zu sehn; ja ich habe eine stille Reue, wenn mir’s gefällt.

Madame Stich hat sich gegen einen Rezensenten über ihr Spiel als Julie erklärt und wird darüber getadelt. Ohne mich über ihre Argumente einzulassen, gestehe ich, daß es wünschenswert sei, wenn jeder gute Schauspieler seine Ansicht über seine Rollen irgendwo niederlegte, indem es auf seine Art möglich wäre, das Zufällige vom Notwendigen am Schauspieler zu unterscheiden, da man oft genug eben bei guten Künstlern in Zweifel ist: was sie wollten oder was bloß nicht geraten ist.

Den 14. Vorgestern ist Dein Heft von »Kunst und Altertum« angekommen und wird eben durchgekostet. Das Exemplar an Dr. Schubarth werde ich ihm mit ändern Büchern, die ich von ihm verwahre, nachsenden, sobald ich weiß, wohin er sich gewendet hat.

Eberwein ist angekommen, um seine Oper anzubieten, da wird er unsere partie honteuse zu sehn kriegen; wir sitzen im Elend, und man erwartet eine Explosion. Da ich mit diesen Dingen nichts zu schaffen habe, so bin ich den Parteien gleich nahe; Trojaner und Griechen hat eins soviel recht als das andere. Einer meiner Bekannten hat über den Streit der Oper »Euryanthe« eine Aktensammlung angelegt, die an sich interessanter ist als die Sache selber.

Noch was: Ein Tafellied von Förster, dem man eine satyrisch-politische Tendenz beilegt, habe etwa vor 3 Jahren für unsere zweite Liedertafel in Musik gesetzt. Dies Gedicht hat nun auch der Breslauer Herr Bierey wunderlich genug in Musik gebracht und drucken lassen, und es ist unter Deinem Namen in der »Cäcilia«, die in Mainz herauskommt, abgedruckt und tadelnd rezensiert. Das Gedicht ist schonend behandelt, weil Dein Name darunter steht, aber die Musik ist schlecht weggekommen. Dies schreibe ich bloß, damit Du weißt, im Falle Du davon hörst, was es damit für eine Bewandtnis habe.

Der Bierey ist weit genug davon, etwas Ordentliches vorzubringen. Solange die Leute ernsthafte Opern schreiben, finden sie in den sogenannten Leidenschaften Gelegenheit und Entschuldigung für alles Reißen und Schmeißen, womit sie sich und andere quälen. An humoristischen Gegenständen erkennt man jedoch sogleich die ärmliche Natur, und so ist’s auch mit der genannten Komposition, und der Rezensent hat recht, ohne daß man an seiner Rezension was Besseres hätte.

Dein!

Geheimer Rat Schmidt will dieses Blatt mitnehmen. Gott befohlen!

Dein

Z.

Wolf soll in Straßburg krank liegen.

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