10.01.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 24.08.1824 (439)



440. An Zelter 24.08.1824

Auch von meiner Seite sei der schönste Dank erwidert, daß Du meine »Iphigenia« aus Wort und Buchstaben wieder ins Leben des Geistes und Herzens hervorgerufen hast. Ich darf mich wohl erfreuen, daß diese frühem Erzeugnisse immer von Zeit zu Zeit wieder auferstehen und fortwirken.

Und so sende denn auch ein paar Exemplare ältere Festgedichte, die bei Rauchs Gegenwart zur Sprache kamen. Sie sind fast ungekannt in dem Strom der Vergessenheit hinabgeschwommen und bei ihrem ersten Erscheinen nicht beachtet worden, weil sie zu einer Zeit hervortraten, wo der Haß gegen das Bestehende sich öffentlich zeigen durfte, wie er jetzt noch immer im Geheimen fortwühlt.

Gewiß freut es Dich, wenn ich vermelde, daß die ganze zehnjährige Korrespondenz mit Schiller von seiner und meiner Seite in meinen Händen und beinahe schon völlig redigiert sei. Tritt sie hervor, so wird sie dem Einsichtigen den Begriff von einem Zustande geben und von Verhältnissen, die so leicht nicht wiederkommen.

Soviel für diesmal, laß bald von Dir hören. Ich befinde mich nach meiner Art ganz wohl und werde dies Jahr zuhause bleiben.

Treulichst

Weimar, den 24. August 1824. G.


(Beilage)

Ein mächtiger Adler, aus Myrons oder Lysippus’ Zeiten, läßt sich soeben, zwei Schlangen in den Klauen haltend, auf einen Felsen nieder; seine Fittige sind noch in Tätigkeit, sein Geist unruhig, denn jene beweglich-widerstrebende Beute bringt ihm Gefahr. Sie umringeln seine Füße, ihre züngelnden Zungen deuten auf tödliche Zähne.

Dagegen hat sich auf Mauergestein ein Kauz niedergesetzt, die Flügel angeschlossen, die Füße und Klauen stämmig; er hat zwei Mäuse gefaßt, die ohnmächtig ihre Schwänzlein um seine Füße schlingen, indem sie kaum noch Zeichen eines piepsend abscheidenden Lebens bemerken lassen.
Man denke sich beide Kunstwerke nebeneinander! Hier ist weder Parodie noch Travestie, sondern ein von Natur Hohes und von Natur Niederes, beides von gleichem Meister im gleich erhabenen Stil gearbeitet; es ist ein Parallelismus im Gegensatz, der einzeln erfreuen und zusammengestellt in Erstaunen setzen müßte; der junge Bildhauer fände hier eine bedeutende Aufgabe.

(Hierher gehörte nun, was über den »Cyklops« des Euripides zu sagen wäre.)

Ebenso merkwürdig ist die Vergleichung der Ilias mit »Troilus und Cressida«; auch hier ist weder Parodie noch Travestie, sondern, wie oben zwei Natur gegenstände einander gegenübergesetzt waren, so hier ein zwiefacher Zeitsinn. Das griechische Gedicht im hohen Stil, sich selbst darstellend, nur das Notdürftige bringend und sogar in Beschreibungen und Gleichnissen allen Schmuck ablehnend, auf hohe mythische Überlieferungen sich gründend; das englische Meisterwerk dagegen darf man betrachten als eine glückliche Umformung, Umsetzung jenes großen Werkes in’s Romantisch-Dramatische.

Hiebei dürfen wir aber nicht vergessen, daß dieses Stück mit manchem ändern seine Herkunft aus abgeleiteten, schon zur Prosa herabgezogenen, nur halbdichterischen Erzählungen nicht verläugnen kann.

Doch auch so ist es wieder ganz Original, als wenn das Antike gar nicht gewesen wäre, und es bedurfte wieder einen ebenso gründlichen Ernst, ein ebenso entschiedenes Talent als des großen Alten, um uns ähnliche Persönlichkeiten und Charaktere mit leichter Bedeutenheit vorzuspiegeln, indem einer späteren Menschheit neuere Menschlichkeiten durchschaubar vorgetragen wurden.

Weimar, den 25. August 1824.                        G.

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